CHRISTUS inmitten der Ruinen

Hugh W. Nibley

 

Christ Among the Ruins

Die Kühnheit der Texte, die man Joseph Smith zuschreibt, erreicht ihren Höhepunkt im Dritten Nephi, wo berichtet wird, wie der Herr seine „anderen Schafe” in der Neuen Welt besucht und unter ihnen seine Kirche gegründet hat. Ein für Leib und Seele gefahrvolles Unterfangen als dieses ist kaum denkbar: dass man nämlich der christlichen Welt einen Text als heilige Schrift anempfiehlt, von dem man behauptet, er enthalte einen gen auen Bericht davon, was der Herr nach seiner Auferstehung unter Menschen gesagt und getan habe. Im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts konnte nur absolute Aufrichtigkeit den irdischen Folgen solcher Kühnheit standhalten.

Man weiß ja, wie Joseph Smiths Nachbarn auf seine Behauptung reagierten – jedenfalls nicht mit freundlicher und geneigter Toleranz.

Trotzdem, gerade dieser Teil des Buches Mormon, auf den wir uns hier beziehen, nämlich die Mission Christi in der Neuen Welt nach seiner Auferstehung, ist kaum herausgegriffen worden, um verdammt zu werden, sondern wurde erstaunlicherweise wenig kritisiert. Weshalb?

Erstens sind Ton und Inhalt gerade dieser Passagen von so herrlicher und tiefer Aufrichtigkeit, dass der Kritiker verstummen muss. Mit noch größerer Wahrscheinlichkeit aber ist der Bericht vom Wirken Christi unter den Menschen während der vierzig Tage nach seiner Auferstehung (s. Apg 1 :3) ein Thema, dem Kleriker immer aus dem Weg gegangen sind, weil sie den nüchternen Bericht des Lukas unverhohlen ablehnen. Was lässt sich schon über ein Ereignis sagen, für das es, wie ein Theologe es ausdrückt, „keine metaphysische oder psychologische Erklärung gibt”?[i]

Wie prüft man Tatsachen, die völlig außerhalb unseres Erfahrungsbereiches liegen?

Die Neuentdeckung sehr alter christlicher Aufzeichnungen während der letzten Jahre, wie etwa die Vierzig-TageTexte, der Alten Welt lässt zumindest eine Überprüfungsmethode als möglich erscheinen, die man anwenden könnte, wenn man den Dritten Nephi betrachtet. Erstaunlich oft behaupten diese Texte aus der Alten Welt, sie enthielten Lehren des Herrn für seine Jünger aus der Zeit nach seiner Rückkehr von den Toten. Da der Dritte Nephi gen au davon handelt, hindert uns nichts an einem Vergleich zwischen diesem Bericht und den älteren Aufzeichnungen.

Natürlich ist beim Vergleich von heiliger Schrift mit anderen Texten darauf zu achten, dass man alles im richtigen Licht betrachtet. Die Heilige Schrift akzeptieren wir als die wahre Schilderung, daher deutet man Unterschiede zwischen ihr und einem anderen Text als Verfälschung des anderen Textes. Der erste Schritt ist die Suche nach Schemata und Hauptmotiven; wenn dann auch Einzelheiten übereinstimmen, umso besser. Als ich mich vor ein paar Jahren erstmalig mit den Vierzig-Tage-Texten befasste, kristallisierten sich deutlich bestimmte Themen und Ereignisse heraus[ii]. Besonders ein Text, das koptische Evangelium der Zwölf Apostel, macht die thematischen Übereinstimmungen des Dritten Nephi mit frühchristlichen Texten deutlicher, als uns bis dahin bewusst gewesen war[iii]. Als Parallelen wären etwa der Wunsch des Herrn zu nennen, dass sein Volk einig sei, und sein Angebot, den Jüngern zu geben, was immer sie in Rechtschaffenheit von ihm erflehten. In beiden Berichten isst er mit ihnen gemeinsam, gibt ihnen zu essen, segnet das Abendmahl (es wird dabei ein Abendmahlsgebet gesprochen) und betet mit ihnen.

Man gestatte mir, eine Liste von Merkmalen darzulegen, die vielen Vierzig-Tage-Texten der Alten Welt gemein sind. Die Ähnlichkeiten zwischen ihnen und dem Dritten Nephi sind eindrucksvoll, und da ja in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts keiner dieser Texte zur Verfügung stand, dienen sie nun als Beweis dafür, dass Joseph Smith in der Tat einen authentischen Bericht übersetzt hat.

 

1. Der Abfall vom Glauben wird vorhergesagt.

Obwohl die Literatur über die vierzigtägige Mission des Herrn in der Alten Welt sehr umfangreich ist, verschwand sie aus der christlichen Welt, weil sie nie sehr populär war. Ein Grund dafür ist der Pessimismus dieser Literatur. So fragen die Apostel beispielsweise in fast allen Texten voller Sorge den Herrn nach der Zukunft der Kirche. Sie sind verwundert zu hören, dass sie den Anschlägen des Bösen zum Opfer fallen und nach zwei Generationen untergehen wird. „Die Apostel sträuben sich dagegen, so wie auch heute viele sagen: Sollen wir denn heute von Tod und Unglück reden? . . . Aber Jesus gibt nicht nach.”[iv]

Im Buch Mormon ist es dasselbe: die frohe Botschaft von der Auferstehung und der herrlichen Vereinigung der Heiligen ist durch die Erklärung gedämpft, dass die Kirche nur begrenzte Zeit überleben wird.

„Und nun, siehe, meine Freude ist groß, ja, ich bin davon erfüllt, und zwar wegen euch und auch wegen dieser Generation, denn niemand davon ist verloren.

Siehe, ich möchte, dass ihr das versteht, denn ich meine diejenigen, die von dieser Generation jetzt am Leben sind. . .

Aber siehe, ich bin betrübt wegen der vierten Generation nach dieser Generation [in der Alten Welt war es die zweite], denn sie werden von ihm gefangen geführt werden, wie es mit dem Sohn des Verderbens war; denn verkaufen werden sie mich um Silber und um Gold . . . Und an dem Tag will ich sie heimsuchen, ja, ich will ihnen ihre Werke auf das eigene Haupt bringen.” (3 Ne 27:30-32.)

In beiden Erdhälften vergaßen die Mitglieder der Kirche solch beunruhigende Prophezeiungen nur zu gern.

 

2. Die Heiligkeit der Worte des Herrn.

Ein zweiter Grund, weshalb die Vierzig-Tage-Literatur in der Alten Welt verlorenging, war die Geheimniskrämerei, mit der man die Texte verwahrte. Im allgemeinen sind die Texte mit einem Titel oder einer Anweisung versehen, dass dies „geheime Lehren” des auferstandenen Herrn seien. Weil die Gemeinden diese Texte mit so großer Geheimnistuerei umgaben, waren Fehlauslegungen, Fälschungen und Verwirrung aller Art möglich. Solche Fälschungen und falsche Darstellungen zirkulierten in der gesamten christlichen Welt des 2. Jahrhunderts; die Texte und die Sekten, die sie besaßen, gerieten dadurch in Misskredit.

Im Dritten Nephi spürt man ähnliche Besorgnis um Texte, die nicht allen zugänglich sein sollen. Es geht dabei weniger um die Heimlichkeit als um die Heiligkeit mancher Angelegenheiten, die der Herr nicht aufgezeichnet haben wollte, weil die Menschen dafür nicht bereit waren. Es wird angedeutet, dass die Menschen diese Informationen empfangen, sobald sie eine bestimmte geistige Reife erlangt haben.

„Nun kann aber in diesem Buch nicht einmal der hundertste Teil dessen geschrieben werden, was Jesus wahrhaftig das Volk gelehrt hat.

Und wenn sie nicht daran glauben, dann wird ihnen das Größere vorenthalten werden, zu ihrer Schuldigsprechung.

Siehe, ich war daran, es niederzuschreiben, nämlich alles. . . , aber der Herr verbot es, nämlich: Ich will den Glauben meines Volkes prüfen.” (3 Ne 26:6,10,11.)

„Schreibt nieder, was ihr gesehen und gehört habt, außer es sei etwas, was verboten ist.” (3 Ne 27:23.)

Abgesehen von dem, was nicht aufgezeichnet werden sollte, gab es manches, was wegen seiner Eigenart nicht aufgezeichnet werden konnte:


„So Großes und Wunderbares, wie wir es Jesus reden gesehen und auch gehört haben, das kann keine Zunge aussprechen, auch kann kein Mensch es niederschreiben.” (3Ne 17:17.)
„Und die Zunge kann die Worte nicht sprechen, die er betete, auch können die Worte, die er betete, von Menschen nicht niedergeschrieben werden. . .Doch waren die Worte, die er betete, so groß und wunderbar, dass sie nicht niedergeschrieben werden können, auch können sie von Menschen nicht geredet werden.”

 

3. Der Erretter erscheint anderen Schafen.

Die Vierzig-Tage-Literatur der Alten Welt zeichnet sich durch bestimmte Lehren aus, die vom späteren Christentum übergangen oder zurückgewiesen wurden. Ob nun Theologen diese Lehren als authentisch anerkennen oder nicht – uns interessiert hier, dass sie auch im Dritten Nephi zu finden sind. Lukas zum Beispiel schreibt nichts über das Erscheinen des Erretters bei seinen Knechten in aller Welt, obwohl er über sein Kommen und Gehen in Judäa berichtet. In der Vierzig-Tage-Literatur der Alten Welt ist jedoch die Rede davon, dass der Erretter Menschen in aller Welt erscheinen würde. Desgleichen im Buch Mormon:

„Ich habe andere Schafe, die nicht von diesem Land sind, auch nicht vom Land Jerusalem, auch nicht in irgendeinem Teil des Landes ringsum, wo ich gewesen bin, um zu dienen. . . Aber [ich werde] zu ihnen gehen, und [sie werden] meine Stimme vernehmen und meinen Schafen zugezählt.” (3 Ne 16:1-3; s.a. 15:14-24; 17:4.)

 

4. Der Herr spricht über die Geschichte und offenbart die Zukunft.

Die Lehren des auferstandenen Erretters in frühchristlichen Texten der Alten Welt sind prophetisch. Sie handeln vom Umgang Gottes mit den Menschen auf Erden von Anfang an bis zum Zweiten Kommen Christi. In der Regel wird die Geschichte als eine Reihe von Evangeliumszeiten dargestellt, als wechselnde Zeiten von Licht und Finsternis, welche die Welt und die Heiligen zu durch. schreiten haben. Die Version des Dritten Nephi verweist zurück auf die Aufrichtung der Lehre des auferstandenen Herrn bei vielen Völkern an vielen Orten, nicht bloß an einem einzigen Ort (s. 15. Kapitel). Die Zukunft dieser Lehre unter diesen Völkern wird vorhergesagt, ebenso deren Verbreitung in der Welt der Andern (s. 16. Kapitel). Im 20. Kapitel wird die Geschichte Israels und besonders der Nephiten bis in unsere Zeit herauf dargelegt, und das 21. Kapitel beschreibt, was Gott in Zukunft mit dem Volk der westlichen Erdhälfte vorhat. Den Höhepunkt dieser Geschehnisse bildet die Gründung des Neuen Jerusalem.

 

5. Christus besucht die Geisterwelt.

Ein weiteres wiederkehrendes Thema in der Literatur der Alten Welt betrifft die allernatürlichste Frage, die man jemandem stellen würde, der zur Erde zurückkehrt: Wo bist du gewesen? Was hast du gesehen? Als die Jünger in der Alten Welt diese Fragen stellen, berichtet der Erretter von seinem Besuch in der Geisterwelt (s. 1 Petr 3:19,20; LuB 138).

J. A. McCulloch hat umfangreiche Belege dafür gesammelt, dass Christus in einer anderen Welt gepredigt hat. Sie umfassen zahlreiche Stellen im Alten und Neuen Testament sowie alle Autoren der frühchristlichen Kirche und die prophetischen Schriften, besonders die frühesten.[v] Beginnend mit den frühesten Epochen, zeigt er auf, wie die auf 1. Petrus 3: 18, 19 basierende Lehre den christlichen Theologen Rätsel aufgegeben hat. Als Grund dafür nennt er folgendes: „Die einfache Bedeutung der TextsteIlen steht im Widerspruch zu ihrer Auffassung vom Leben jenseits des Grabes.”[vi]

Als der Herr nach seiner Abwesenheit über Ostern aus einer anderen Welt zurückkehrte, „drängte sich die Frage auf”, – schreibt McCulloch -, „was hat die Seele Christi dort getan?” Und die Antwort lautet: „So wie Christus auf Erden für das Gute eingetreten ist, so hat er es wohl auch im Hades [die Welt der Geister] getan. . . Wie er die gute Nachricht auf Erden gepredigt hat, so hat er sie wohl auch im Hades gepredigt.”[vii] Die Frühchristen betrachteten „den Hades, das Paradies und den Himmel als Orte”, wobei die Welt der Geister von der irdischen nicht völlig getrennt war.[viii] In der Höllenfahrt-Literatur der Alten Welt wird das Werk des Herrn und der Apostel – predigen, taufen[ix] und lehren – auf Erden und in der Geisterwelt in gleicher Weise fortgeführt.[x]

Parallelen wie diese sind es, die bei Theologen die Frage aufkommen lassen, ob nicht der Verfasser des Dritten Nephi die Höllenfahrt-Literatur und die Vierzig-Tage-Texte der Alten Welt als Vorlage benutzt hat. Die Vierzig-Tage-Texte waren in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber noch unbekannt, und die Höllenfahrt-Literatur stand bei der Geistlichkeit in Misskredit. McCulloch selbst steht vor einem für ihn unlösbaren Rätsel: „Die alte Lehre von der Höllenfahrt kann nicht buchstäblich aufgefasst werden. Trotzdem können wir sie nicht schlichtweg als bedeutungslos abtun, wie die heutigen Theologen es tun.”[xi] Die vielen Hinweise in den heiligen Schriften säten bei den Theologen nur Verwirrung, und zwar, wie sie sagen, (1) „wegen der ständigen Zurückhaltung unseres Herrn sowohl in Bezug auf die andere Welt als auch auf sich selbst”, und (2) „wegen des ganzen Wesens der Höllenfahrt-Literatur mit ihrer Vorstellung von einer örtlichen Unterwelt.”[xii]

Das waren Begriffe, die die Gelehrten der Kirche einfach nicht akzeptieren konnten. Genau wie die Vierzig-TageTexte der Alten Welt wurde auch die Lehre von der Höllenfahrt sorgfältig unter Verschluss gehalten. Die bekannteste Fassung ist das nicht als authentisch erklärte Evangelium des Nikodemus. Es stammt von einem „frühen Autor, der auf überliefertes Material zurückgriff,” und wurde später zu einem der populärsten Mysterienspiele mit dem Titel „Höllenqualen” verarbeitet. Eine kurze Betrachtung des Nikodemusevangeliums mit einem Seitenblick auf das Dritten Nephi ist hier angebracht. Man bedenke aber, dass die Authentizität dieses Evangeliums nicht feststeht und Details enthält, die sich nicht mit der wahren Schilderung der heiligen Schrift vereinbaren lassen. Trotzdem finden sich zahlreiche Gemeinsamkeiten.

Die Höllenfahrtgeschichte beginnt mit „unsere Väter in der Tiefe der Hölle, in der Schwärze der Finsternis” (Nikodemus 13:3). Plötzlich erscheint ein großes Licht, und Adam verkündet: „Dieses Licht ist der Urheber immerwährenden Lichts.” (13:3,4.) Das 16. Kapitel handelt von den Pforten der Hölle, welche nicht mehr über diejenigen obsiegen, die den König der Herrlichkeit anerkennen. Dann streckt Jesus die Hand aus und sagt: „Kommt zu mir, meine Heiligen alle”, und er gründet unter ihnen seine Kirche (19: 1-3). Adam und alle anderen werfen sich dem Erretter zu Füßen und erkennen ihn mit einer Stimme als ihren Erlöser an (19:4-8). Indem er erneut seine Hand ausstreckt, zeigt er Adam und danach „all seinen Heiligen” das Mal der Kreuzigung (19: 11). Schließlich „nahm er Adam an der Rechten und stieg von der Hölle auf” in ein höheres Reich, „und all die Heiligen Gottes folgten ihm” (19:12).

Eine eigenartige Episode bildet den Schluss dieser Geschichte, die nicht als heilige Schrift zu betrachten ist. Wir sehen den Zustand Henochs und Elijas, „die den Tod nicht geschmeckt haben”, sondern noch eine dreitägige Mission in Jerusalem erfüllen, getötet werden und „wieder in die Wolken aufgenommen werden” müssen (20:1-4).

Im letzten Kapitel steht, dass der ganze Bericht von zwei besonderen Zeugen stammt. Es handelt sich um „Charinus und Lenthius”, denen es „nicht gestattet ist, die anderen Geheimnisse Gottes zu verkünden” oder mit Menschen zu reden, außer bei besonderen Gelegenheiten (21 :3). „Es sind uns nur drei Tage in Jerusalem gestattet”, sagen sie. Danach „werden sie von niemand mehr gesehen” (21 :5), weil „ihnen geboten wurde, über den Jordan in ein herrliches fruchtbares Land zu gehen”, um dort ihr Werk fortzusetzen (21 :4). Dem Bericht zufolge handelt es sich bei den beiden Männern um das Paar, das auch als die Söhne Simeons bekannt war. Der Herr habe sie nach ihrer Auferstehung vom Tod vermutlich auf diese besondere Mission gesandt, damit sie von seiner Auferstehung Zeugnis gäben. Nach Vollendung ihres Wirkens in der Alten Welt seien sie „in außerordentlich weiße Gestalten verwandelt und nie mehr gesehen worden” (21 :8).

Der Bericht vom Besuch des Erretters in der Neuen Welt endet ähnlich. Unmittelbar vor seinem Abschied bitten ihn drei seiner Jünger, ob sie auf der Erde bleiben und unter den Menschen geistlich dienen können. Die Bitte wird ihnen gewährt, und „es wird eine Veränderung an ihrem Leib bewirkt”, damit sie „den Tod nicht kosten müssten” (s. 3 Ne 28:38). Danach üben sie ihren geistlichen Dienst bei den Nephiten und Lamaniten aus, um schließlich „zu allen Nationen, Geschlechtern, Sprachen und Völkern” zu gehen. „Sie sind wie die Engel Gottes”, bleiben aber unerkannt und unbekannt (s. 3 Ne 28:25-32).

Die Parallelen zwischen dem Buch Mormon und der Höllenfahrtsgeschichte sind besonders eindrucksvoll. Im Dritten Nephi sind die Scharen, die in der Finsternis verharren, die Nephiten selbst, erschöpft und verzweifelt nach der dreitägigen Zerstörung, der völlige Finsternis folgte. Der Herr erscheint ihnen als lichtvolle Gestalt, die, „in ein weißes Gewand gekleidet, . . . vom Himmel herabkommt”, genau wie er in den Texten der Alten Welt auch den Geistern in der Hölle erscheint. Er verkündet, dass er „das Licht und das Leben der Welt” ist (3 Ne 11 :8) und dass er gekommen sei, ihnen Licht und Befreiung zu bringen. Sie erkennen ihn als ihren Erlöser an, und „die ganze Menschenmenge” fällt zur Erde (3 Ne 11: 12). Dann sagt er, wer er ist, und gibt seine Mission bekannt, „und sie riefen wie mit einer Stimme aus, nämlich: Hosanna, gesegnet sei der Name Gottes, des Allerhöchsten! Und sie fielen Jesus zu Füßen und beteten ihn an” (3 Ne 11:17).

Als erstes bestand der Herr darauf, dass sie sich alle taufen ließen. Dies entspricht genau dem Höllenfahrtsbericht, wo er alle, denen er in der Unterwelt predigt, mit dem „Siegel” der Taufe versieht, bevor sie ihm aus der Finsternis hinauf in sein Reich folgen können. Jesus stellt ihnen dies als einen Akt der Befreiung dar, der uns allen offensteht: „Und dies ist meine Lehre. . ., dass der Vater allen Menschen überall gebietet, umzukehren und an mich zu glauben. Und wer an mich glaubt und sich taufen lässt, der wird errettet werden.” (3 Ne 11 :32,33.) Dann sagt der Herr zu den Nephiten etwas Interessantes:

„Wahrlich, wahrlich. . . Dies ist meine Lehre, und wer darauf baut, der baut auf meinen Felsen, und die Pforten der Hölle werden nicht obsiegen gegen ihn. Und wer mehr oder weniger als dies verkündet. . ., die Pforten der Hölle stehen offen, ihn zu empfangen, wenn die Fluten kommen und die Winde an ihn stoßen.” (3 Ne 11 :39,40. Hervorhebg. v. Verf.) Er ist gekommen, um die Pforten der Hölle zu öffnen, die ihnen die Freiheit versperren. Selten sind die „Höllenqualen” buchstäblicher beschrieben worden.

 

6. Jesus offenbart, welcher Natur sein auferstandener Leib ist.

Der vom Erretter geführte Beweis, dass er in der Tat ein auferstandenes Wesen und kein Geist ist, ist im Neuen Testament und in anderen Texten der Alten Welt gleich. In allen Fällen verlangt Jesus wirkliche, greifbare Speise zu essen, und er isst gemeinsam mit seinen Jüngern ein heiliges Mahl. Das Mahl folgt normalerweise der Taufe und besiegelt das Einssein der Nachfolger des Herrn. Im Dritten Nephi ist das heilige Mahl mit dem auferstandenen Herrn ein höchst wichtiges Ereignis, auf das wir später noch zurückkommen.

 

7. Jesus macht seine Jünger bereit.

Die meisten Religionsgelehrten und Theologen sehen in der vierzigtägigen Mission Christi in der Alten Welt eine Zeit abschließender und zusammenfassender Belehrung. Er legt in dieser Zeit eine feste Grundlage für seine Jünger, die ihrerseits in die Welt gehen und eine Grundlage für die Kirche legen sollen. Die Jünger brauchen diese Belehrung. Zum Zeitpunkt der Kreuzigung waren sie entmutigt, in alle Winde zerstreut und weit davon entfernt, in der Welt als machtvolle Gesandte des Herrn aufzutreten. Die Belehrungen durch den Herrn während der vierzig Tage bereiten sie auf ihre Mission vor. Im Bericht . des Buches Mormon kommt genau derselbe Zweck zum Ausdruck. Nachdem Jesus seine Kirche im Volk aufgerichtet hat, befasst er sich zwei Kapitel lang ausschließlich mit seinen auserwählten Jüngern, um sie auf ihre Mission vorzubereiten (s. 3 Ne 27,28).

 

8. Der Erretter verkehrt mehrmals zwischen Himmel und Erde.

Dass sich der Herr zwischen Himmel und Erde bewegte, kam und ging, ist ein aufregender Gedanke. Als sterbliche Menschen, die mit Weltlichem befasst sind, fragen wir uns, ob so etwas wirklich sein kann. Doch Lukas will uns mit seinem detaillierten Bericht wissen lassen, dass dies tatsächlich möglich ist. Schon beim Lesen dieses Berichts ist man gebannt – wie aber soll man die Empfindungen derer beschreiben, die dies selbst erlebt haben? Die frühchristlichen Schriften versuchen sich darin, doch der Dritte Nephi vermittelt uns einen echten Eindruck von diesen Gefühlen. Dieses Buch führt uns den celestialen Glanz seines Kommens und Gehens vor Augen, und wir sehen die Herrlichkeit seiner Gegenwart. Wir erleben die Nähe des Erretters und seine Liebe, besonders durch den Bericht, wie er sich den Kindern widmet.

Uns so mögen wir wohl fragen: „Weicher Schwindler hätte hoffen können, ohne Text und Vorlage in das unerforschte Dickicht der Vierzig-TageTexte vorzudringen und nicht baldigst zu scheitern – in ein Gebiet, in dem der Forscher heute noch keinen festen Steg findet?” Die entschlossene Gelassenheit, mit der der Verfasser des Dritten Nephi sich auf ein Gebiet vorwagt, vor dem Religionsgelehrte und Dichter zurückscheuen, ist als Beispiel für Joseph Smiths verwegene Kühnheit hingestellt worden – ein hoffnungsloses Argument. Die andere Erklärung, dass er nämlich ein authentisches Dokument übersetzt hat, verdient, dass man sie unbefangen anhört.

 

 


[i] Hugh Nibley: “Evangelium Quadraginta Dierum”, Vigiliae Christianae, 20 (1966): 1-24; siehe auch: When the Light Went Out (SLC: Deseret Books 1970), S. 33-54

[ii] Weiteres dazu siehe: When the Light Went Out.

[iii] J. A. McCulioch, The Harrowing of Hell: A Comparative Study of an Early Christian Doetrine (Edinburgh: T. and T. Clark, 1930), s. 262ff. In der Foige als McCulloch angeführt.

[iv] In Vigiliae Christianae, 20 (1966), S. 6f

[v] McCulloch, S. 83ff, 131ff

[vi] [vi] McCulloch, S. 50

[vii] McCulloch, S. 315

[viii] McCulloch, S. 318

[ix] Weiteres dazu siehe in dem fünfteiligen Essay des Verfassers: “Baptism for the Dead in Ancient Times”, Improvement Era, ab Januar 1949, S. 24

[x] McCulloch, S. 55, 169

[xi] McCulloch, S. 232

[xii] McCulloch, S. 317

 

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Last Updated November 07, 2009
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