Das Buch Abraham

Kevin L. Barney
FAIR Konferenz 2013
Darmstadt, Deutschland
15. 06. 2013

Als Napoleon 1798 in Ägypten einmarschierte, hatte er ein kleines Heer von Wissenschaftlern und Künstlern bei sich, deren Berichte von den Wundern Ägyptens in der vielbändigen französischen Sammlung „Eine Beschreibung Ägyptens” erschienen, die von 1809 bis 1813 veröffentlicht wurden und bald eine Welle von Ägyptomanie unter den Europäern hervorriefen. Dieses intensive Interesse an allem, was ägyptisch war, löste eine Nachfrage nach ägyptischen Antiquitäten aus, die Männer wie Antonio Lebolo, der die Joseph Smith Papyrusrollen ausgegraben hatte, nur allzu gern befriedigen wollte. Der Italiener Lebolo war während Napoleons Besetzung der italienischen Halbinsel Gendarm gewesen. Als dann Napoleon besiegt worden war, zog Lebolo nach Ägypten in ein freiwilliges Exil. Dort wurde er von Bernardino Drovetti, dem früheren französischen Generalkonsul in Ägypten, angestellt, um die Ausgrabungen in Oberägypten zu beaufsichtigen. Lebolo unternahm auch Ausgrabungen auf eigene Faust. Ungefähr im Jahr 1820 – das genaue Jahr ist uns nicht bekannt – grub Lebolo 11 gut erhaltene Mumien in einem Grubengrab auf dem Westufer des Nils auf der Höhe von Theben (dem heutigen Luxor) aus. Diese Mumien wurden nach Triest verschifft und sollten durch Albano Oblasser zum Verkauf angeboten werden. Oblasser schickte die Mumien nach New York, wo sie von einem Unternehmer aus Pennsylvania, namens Michael Chandler irgendwann anfangs des Jahres 1833 erstanden wurden.

Chandler nahm die Sammlung mit auf eine Ausstellungstour durch die nordöstlichen Vereinigten Staaten und verkaufte bei passender Gelegenheit jeweils ein oder zwei Mumien. Im Juli 1835 kam er auch nach Kirtland in Ohio und verkaufte den Rest seiner Sammlung (vier Mumien, zwei oder drei Papyrusrollen und einige lose Papyrusblätter) an eine Gruppe von Bürgern, die sie zum Preis von  2.400 US-Dollar für Joseph Smith und die Kirche erstanden. Nicht lange danach verkündete Joseph, dass die Papyrusrollen Schriften der biblischen Patriarchen Abraham und Joseph enthielten. Verschiedene Einträge in seinen Tagebüchern belegen, dass Joseph sich sofort daran machte, an der Übersetzung des Abraham Materials zu arbeiten.

Einige Zeit später in der Kirtland Periode stellten Joseph und seine Schreiber (W.W. Phelps, Warren Parrish, Oliver Cowdery, Frederick G. Williams und Willard Richards) eine Sammlung von ca. 16 Dokumenten zusammen, die ungefähr 120 Seiten umfassten. Sie werden heute zusammenfassend als die Kirtland Egyptian Papers („KEP”) (die ägyptischen Papiere aus Kirtland) bezeichnet. Die KEP bestehen aus zwei Arten. Zehn dieser Dokumente behaupten, ägyptische Alphabet- und Grammatik-Texte verschiedener Art zu sein. Das umfangreichste von ihnen ist ein gebundenes Buch mit dem Titel „Grammatik und Alphabet der ägyptischen Sprache”, das 34 nicht auf einander folgende beschriebene Seiten und 186 leere Blätter enthält (im Schnitt folgen immer auf drei beschriebene Seiten 18 bis 20 leere Blätter). Die anderen sechs sind Dokumente aus dem Buch Abraham Manuskript, die den englischen Text mit Material aus den ersten Kapiteln von dem, was wir heute das Buch Abraham nennen, enthalten. Einige dieser Dokumente haben ägyptische Symbole auf dem linken Rand von jedem Absatz im Text. Diese KEP wurden nie erläutert oder veröffentlicht, und, nachdem man sie nach Utah gebracht hatte, wurden sie zwischen den Papieren des Büros des Kirchengeschichtsschreibers eingelagert und schließlich vergessen, bis man sie nach vielen Jahren im Zwanzigsten Jahrhundert wiederentdeckte.

Was wir heute als DAS  Buch Abraham  kennen, wurde schließlich in drei Ausgaben der Zeitschrift Times and Seasons (1.März, 15.März und 16.März 1842) veröffentlicht. Diese Texte wurden dann ein zweites Mal in England in der Zeitschrift Millennial Star im Juli 1842 veröffentlicht und erschienen dann schließlich in der ersten Ausgabe der KÖSTLICHEN  PERLE. Im Februar 1843 versprach Joseph Smith, dass noch mehr von dem eigentlichen Text veröffentlicht werden würde, aber dazu ist es nie gekommen, und es wurden bisher auch keine weiteren Manuskripte oder zusätzlichen Texte gefunden. Das Buch Abraham umfasst fünf Kapitel Text und drei Faksimiles von Vignetten aus der Papyrus-Sammlung, zusammen mit den von Joseph angebotenen Erklärungen.

Im 20. Jahrhundert gab es dann zwei Ereignisse, die die Authentizität des Buches Abraham als antiken Text (und nicht als einen modernen Text, der fälschlich einem antiken Autor zugeschrieben wurde) in Zweifel zogen. Als erstes schickte Franklin S. Spalding, der damalige Bischof der Episkopalkirche in Utah, Kopien der Faksimiles aus dem Buch Abraham  zusammen mit den von Joseph angebotenen Erklärungen an acht bedeutende Ägyptologen seiner Zeit. Die Ägyptologen gaben die üblichen ägyptologischen Erklärungen für die Faksimiles und kamen zu dem Schluss, dass Josephs Erklärungen nicht richtig seien. Die Veröffentlichungen dieser Antworten in einem Traktat lösten einen Proteststurm von HLT-Intellektuellen aus, von denen mindestens einige Dutzend zwischen 1912 und 1918 in der IMPROVEMENT ERA erschienen (der damaligen Kirchenzeitschrift für die erwachsenen Leser).

Um das zweite Ereignis verstehen zu können, müssen wir dem Verbleib von Josephs Papyrus-Sammlung (den „Joseph Smith Papyri”) nach Josephs Tod im Jahr 1844 nachspüren. Lucy Mack Smith hat die Ägyptischen Antiquitäten für den Rest ihres Lebens weiterhin ausgestellt. Bald nach Lucys Tod 1856 haben Emma Smith Bidamon und ihr zweiter Ehemann, Lewis Bidamon, die Sammlung an einen Mann namens Abel Combs verkauft. Lange hatte man angenommen, dass Combs die gesamte Sammlung an das St. Louis Museum verkauft hat, welches später in das Woods Museum in Chicago übertragen wurde. Aus dieser Annahme musste man schließen, dass das Ganze in dem großen Chicago Feuer von 1871 verbrannt ist. (Lassen Sie mich hier eine persönliche Anmerkung machen: meine erste Anwaltspraxis war in Chicago genau an der Straße, an deren anderen Ende das Woods Theater liegt, das 1917 auf dem Gelände des abgebrannten Woods Museums errichtet wurde. Dieses in die Jahre gekommene Theater wurde dann 1990 abgerissen.) Es hat sich jedoch inzwischen herausgestellt, dass Combs einen Teil der Sammlung seiner Pflegerin Charlotte E. Benecke Weaver Huntsman vermacht hat. Als sie verstarb, ging die Sammlung an ihre Tochter Alice Combs Weaver Heusser, die 1918 versuchte, sie an das Metropolitan Museum of Art in NewYork zu verkaufen, aber das Museum war damals nicht interessiert. Nach ihrem Tod trat ihr Witwer Edward Heusser 1947 erneut an das Museum heran, und diesmal hat das Museum die Sammlung aufgekauft. Im Gegensatz zu missverstandenen Behauptungen waren sich die Kuratoren des Museums von Anfang an der Verbindung dieser Objekte zu Joseph bewusst, aber für eine lange Zeit wusste die Kirche nichts von der Existenz dieser Sammlung. Das änderte sich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts: nach einigen Verhandlungen wurde diese Sammlung 1967 der Kirche zurückgegeben. Der noch vorhandene Teil der Sammlung, der nun der Kirche zurückgegeben wurde, bestand aus den folgenden Stücken: (i) das Original von Faksimile 1 und zwei Fragmente aus einem Buch (Book of Breathings, das auch manchmal als Sensen Papyrus bezeichnet wird, da sensen das ägyptische Wort für „breathing” ist), das Hor (der Name des antiken Besitzers) gehört hatte. [das Original von Faksimile 3 hätte zu diesem Text gehört]. (ii) Fragmente von einem Buch der Toten, das Tschemmin gehört hatte und (iii) eine Psychostasie („Seelen-Wägungs”)-Szenen Vignette (die sich auf das Kapitel 125 des Buches der Toten bezieht), die Neferirnub gehörte. Obwohl es nicht wieder aufgetaucht ist, wissen wir doch auch, dass Joseph ein BUCH DER TOTEN besessen hat, das Amenophis gehört hat, den Hypocephalus (das ist ein Amulett, das die Ägypter den Mumien unter den Kopf gelegt haben) des Shehonq (das Original von Faksimile 2) und andere nicht genauer identifizierte Texte.

Übersetzungen dieses Materials sind inzwischen von dem BYU-Gelehrten Michael Rhodes in der Sammlung „Studies in the Book of Abraham” veröffentlicht worden.

Nachdem dieses Material an die Kirche zurückgegeben und von der Kirche in der Improvement Era veröffentlicht worden war, stellte sich heraus, dass die ägyptischen Symbole, die jeweils vor den ersten Absätzen der KEP Abraham Manuskripte standen – (Sie erinnern sich: KEP steht für die anfangs erwähnten  unveröffentlichten 120 Seiten ägyptischer Papiere aus Kirtland.) – aus dem Anfang von Joseph Smiths BOOK OF BREATHINGS stammten und dass dieses BOOK OF BREATHINGS Fragment (ursprünglich) mit dem Original von Faksimile 1 verbunden war (die Fasern im Verbindungsbereich passten zusammen).Wenn man nun die Verbindung zu dem Original des Faksimile 1 und den Gebrauch dieser Symbole vom Beginn dieses Textes an in Verbindung mit dem Abraham Manuskript aus dem Kirtland Papieren voraussetzte, war es offensichtlich, dass Joseph Smith und seine Schreiber glaubten, dass das Dokument, das Joseph als das Buch Abraham  übersetzt hatte, aus dem Hor BOOK OF BREATHINGS stammte. Aber als Ägyptologen diese Fragmente übersetzten, stellte sich heraus, dass sie tatsächlich ein BOOK OF BREATHINGS enthielten (eine Entsprechung zu dem BUCH DER TOTEN aus der ptolemäischen Zeit) und nicht etwas wie den englischen Text des Buches Abraham. Diese Entdeckung führte zu zahlreichen apologetischen Veröffentlichungen, anfangs dominiert von dem leider schon verstorbenen Hugh Nibley, und später dominiert von Gelehrten aus dem Kreis der Foundation for Ancient Research and Mormon Studies (FARMS), einer unabhängigen Stiftung, die in späteren Jahren in der BYU aufging.

Es gab vier hauptsächliche apologetische Denkansätze von Gelehrten, die Mitglieder der Kirche sind, zu der Ausgabe des Buches Abraham. Das erste war die Feststellung, dass das Konzept, das sich aus den ägyptischen Randbemerkungen des KEP-Abraham Manuskripts ergab, in jedem Fall in dem zugehörigen englischen Absatz seinen Niederschlag fand. So kam der Gedanke auf, dass der ägyptische Text in irgendeiner Weise eine Gedankenstütze war, um die Abraham Geschichte, die im englischen Buch Abraham anklingt, zu überliefern. Anfangs war Nibley fasziniert von dieser Beobachtung, aber dann kam er doch zu einem anderen Schluss und verwarf die Theorie der Gedankenstütze, die einfach nicht in einer akzeptablen Weise passen wollte.

Nibley hat dann einer Theorie den Vorrang gegeben, die die „Fehlende Papyrus”-Theorie genannt wurde, was zur Folge hätte, dass das BOOK OF BREATHINGS nicht die vermeintliche Quelle für das Buch Abraham ist, sondern dass die Quelle auf einigen der Papyrusblätter stand, die in dem Chicago-Feuer verbrannt sind. Die Stärke dieser zweiten Theorie ist die unbestreitbare Tatsache, dass das, was von der ursprünglichen Sammlung noch vorhanden ist, nur ein kleiner Teil des Ganzen ist (Schätzungen reichen von 13 bis 33 %). Aber das Problem bei dieser Theorie ist, dass die KEP- Papiere nahe zu legen scheinen, dass Joseph und seine Schreiber spürten, dass es da eine gewisse Verbindung zwischen dem BOOK OF BREATHINGS (von dem ein Teil noch vorhanden ist) und dem Buch Abraham gibt. Obwohl also die „Fehlende Papyrus”-Theorie als eine brauchbare Option erscheint, so bleibt doch die offensichtliche Verbindung zwischen dem BOOK OF BREATHINGS und dem Buch Abraham eine Angelegenheit, die durch diejenigen, die dieser Theorie den Vorzug geben, angemessen erklärt werden muss.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal kurz auf die KEP oder Kirtland Papiere eingehen. Aus meiner Sicht ist der nächste große Hügel, den es bei den Studien zum Buch Abraham zu erklimmen gilt, das Ringen um ein besseres Verständnis der Kirtland Papiere. 1971 hat Nibley einen längeren Artikel über die Kirtland Papiere in den BYU STUDIES veröffentlicht, aber bis vor kurzem ist keine weitere Arbeit zu diesem Thema veröffentlicht worden, was dazu führte, dass diese Dokumente für lange Zeit viel zu wenig Beachtung fanden. Es war ursprünglich angenommen worden, dass die Kirtland Papiere die Übersetzungsarbeitspappiere für das Buch Abraham darstellten (ohne Rücksicht darauf, dass die Frage völlig ungeklärt ist, mit welcher Vorgehensweise man von den allem Anschein nach absonderlichen Kirtland Papieren zu einem flüssigen und sinnvoll wiedergegebenen Text in englischer Sprache des BOOK OF ABRAHAM kommt.) Als Kontrast stellten Apologeten die Theorie auf, dass die Kirtland Papiere entweder das Ergebnis eines frühen „im-Geiste- Ausstudieren”-Stadiums des Übersetzungsprojektes seien oder aber der Versuch, die schon fertig geschriebene Offenbarung in Einklang zu den BOOK OF BREATHINGS Papyrusrollen zu bringen und nun die ägyptische Sprache anzupassen.

Neuere Arbeiten erwecken nun jedoch den Eindruck, dass vielleicht beide Herangehensweisen an das Material der Kirtland Papiere fehlgeleitet sein können, und dass die Kirtland Papiere aus einem Projekt stammen, das sich mit dem Versuch beschäftigt, die „reine [Adamische ] Sprache” zu beschreiben. Ein Beispiel für diese neueren Arbeiten ist ein Artikel von meinem Freund Samuel M. Brown, der in  Church History  2009 unter dem Titel „Joseph (Smith) in Egypt: Babel, Hieroglyphs, and the Pure Language of Eden” [=Joseph (Smith) in Ägypten: Babel, Hieroglyphen, und die Reine Sprache von Eden) erschienen ist. Unter anderen Beobachtungen, die in diese Richtung liefen, finden sich die folgenden:  (i) die ägyptischen Symbole, die in dem Material der Kirtland Papiere benutzt werden, erscheinen in keiner erkennbaren Reihenfolge oder Ordnung, sondern scheinen nach dem Zufallsprinzip von verschiedenen Stellen auf den Papyrusrollen zu stammen;  (ii) die meisten dieser Symbole sind überhaupt nicht ägyptisch, sondern scheinen Symbole zu sein, die jemand sich ausgedacht hat, oder – in einigen Fällen – es handelt sich um Symbole die von der Geheimschrift der Freimaurer abgeleitet wurden; und (iii) die Kirtland Papiere befassen sich nicht ausschließlich mit dem Material in dem englischen Buch Abraham, sondern auch mit einigen früheren Offenbarungen Josephs, insbesondere mit den Abschnitten LuB 76 und 88. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Herausgabe einer wissenschaftlich kritischen Erstausgabe (editio princeps) der Kirtland Papiere dringend erforderlich ist, in der wahre Gelehrsamkeit in dem Versuch zum Tragen kommt, diese Dokumente besser zu verstehen. Bis die Wissenschaft mehr Licht in die Bedeutung dieser noch sehr unverständlichen Manuskripte gebracht hat, sollten sich sowohl polemische als auch apologetische Äußerungen zurückhalten.

Eine dritte Theorie besagt, dass es keine Verbindung zwischen dem Sensen Papyrus und dem Buch Abraham gibt, aber dass der Sensen Papyrus Material enthält, dass für das Tempel Endowment von Bedeutung ist.

Den Nachweis für diese Art von Parallelen zu erbringen war das schwierige Problem, mit dem sich Hugh Nibley in seinem großen Werk „The Message of the Joseph Smith Papyri: an Egyptian Endowment” herumschlagen musste. Während die Einsichten, die aus dieser Vorgehensweise gewonnen werden, für sich genommen ganz faszinierend sein mögen, sollte es doch jedem klar sein, dass diese Theorie nicht für sich beansprucht, uns auf der Suche nach der Quelle des englischen Buches Abraham weiterzuhelfen.

Die vierte Theorie wird „reine Offenbarungs-” oder „Auslöser- bzw. Katalysator-”Theorie genannt und besagt, dass die Papyrusrollen einfach nur den Anstoß gegeben haben dafür, dass Joseph die Offenbarung über Abraham erhalten hat, die er genau so erhielt, wie es in der Vergangenheit in Verbindung mit allen seinen vorangegangenen Übersetzungsprojekten geschehen war. Joseph hat konsequent das Wort „Übersetzung” für seine offenbarten religiösen Texte benutzt, was für uns in unserer modernen Wahrnehmung jener Texte zum Problem geworden ist. Das kommt daher, dass wir, wenn wir heute das Wort „Übersetzung” benutzen, an eine akademische Übung denken, eine, bei der man versucht, den Sinn des Originaltextes in der einen Sprache für andere in einer anderen Sprache zu vermitteln. Übersetzung in diesem Sinn setzt eine sehr gute Kenntnis sowohl der Ausgangs- wie auch der Zielsprache voraus. Wenn also HLT Maler versuchen, Joseph bei der Übersetzungsarbeit für das BUCH MORMON zu porträtieren, zeigen sie ihn, wie er konzentriert die Platten studiert und mit seinem Finger den einzelnen Zeichen oder Buchstaben nachspürt, denn das ist die Art und Weise, wie wir selbst so eine Übersetzung vornehmen würden, und das ist eben auch ihre persönliche Erfahrung. Aber solche Maler haben nicht die Zeugnisse der Zeitzeugen für den Vorgang der Übersetzung des BUCHES MORMON studiert; Joseph legte seinen Seherstein in einen Hut und hielt diesen vor sein Gesicht, um anderes Licht auszublenden, und diktierte dann den Text seinem Schreiber. Joseph hat also nicht auf eine akademische Weise übersetzt, sondern durch die „Gabe des Sehens”, (denn ein Seher ist ein Mensch, der sieht).  Dies ist der gleiche Vorgang wie wir ihn schon in Mosiah 8 beschrieben finden, wie König Mosiah in der Lage war, die 24 goldenen Platten zu übersetzen.  Genau so, wie Joseph das BUCH MORMON diktierte, ohne auch nur auf die Platten selbst zu sehen, oder wie er LuB 7 diktierte, ohne wirklich physischen Zugang zu dem Pergament zu haben, das in dem Abschnitt beschrieben wird, so war das englische Buch Abraham eine Offenbarung, die Joseph seinem Schreiber diktierte, und nicht eine akademische Wiedergabe dessen, was er auf der Papyrusrolle sah. Die vollständigste Erklärung dieser Theorie wurde von dem leider schon verstorbenen Karl Sandberg 1989 in einem Artikel in der Vierteljahresschrift Dialogue unter dem Titel „Knowing Brother Joseph Again: The Book of Abraham and Joseph Smith as Tranlator” (=Wieder eine Perspektive auf Bruder Joseph: Das Buch Abraham und Joseph Smith als Übersetzer).

Zwei Gründe sprechen für diese Theorie: Zum einen macht es das ägyptische Material weitgehend überflüssig für den Vorgang (wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass es hauptsächlich zur weiteren Suche nach der Offenbarung anregt). Zum Zweiten bringt es das Buch Abraham auf eine Ebene mit Josephs anderen offenbarten Übersetzungsprojekten, anstelle einen völlig anderen Vorgang für diesen einzelnen Fall zu postulieren. Die festzustellende Schwäche dieser Theorie könnte allerdings sein, dass Joseph und seine Schreiber vielleicht die Verbindung zwischen dem englischen Buch Abraham und dem Sensen Papyrus missverstanden haben. Für mich allerdings ist das überhaupt kein Nachteil, denn das war zu erwarten. Eine der Schlussfolgerungen, die Royal Skousen gezogen hat, nachdem er ein Vierteljahrhundert den Text des BUCHES MORMON studiert hatte, ist, dass die Offenbarung selbst und Josephs intellektuelles Verständnis dieser Offenbarung zwei verschiedene Dinge sind, und dass Joseph oft selbst verschiedene Aspekte des offenbarten Textes nicht genau verstanden hat. So hat Joseph, als er den Text 1837 und 1840 überarbeitete, als menschlicher Herausgeber gehandelt, und Skousen setzt die so entstandenen Änderungen in seiner kritischen Textausgabe auf den ursprünglichen Wortlaut zurück. So gibt es da also nichts Neues.

Welche von all diesen Theorien (wenn überhaupt eine) ist denn nun die richtige? Ich für mein Teil versuche, mich in meiner Herangehensweise fast völlig offen zu halten. Ich fühle keine Notwendigkeit, mein Denken über dieses Thema in engen Bahnen zu halten, da es noch Vieles gibt, was wir noch nicht wissen und das ich persönlich nicht ganz verstehe. Aber ich bin schließlich Rechtsanwalt und habe gelernt, alternative Theorien für einen Fall parallel zu berücksichtigen. Wenn Sie das nicht überzeugt und Sie sich auf eine einzelne Theorie konzentrieren müssen, dann würde ich sagen, dass juristisch gesehen die „reine Offenbarungs”-Theorie wohl am einfachsten zu begründen ist.

Wenn wir nun zu den Faksimiles kommen, dann gibt es da zwei Hauptproblemkreise. Die erste Frage ist, ob die Faksimiles korrekt wiederhergestellt wurden. Und für diese Frage ist aus meiner Sicht die  Antwort ein eindeutiges „Nein”. Ich kann auch nicht verstehen, warum irgendjemand, irgend etwas Anderes erwarten würde. Wir haben das Original von Faksimile 1 und wir können sehen, dass der obere Rand beschädigt worden ist. So würde zum Beispiel die stehende Figur auf der linken Seite ursprünglich den Schakalkopf von Anubis gehabt haben; der kahle menschliche Kopf wurde von der Figur, die auf der Bahre liegt, kopiert. Von Faksimile 2 haben wir das Original nicht, aber wir haben eine zeitgenössische Zeichnung davon, und es wird auf dieser Zeichnung deutlich, dass es eine Textlücke gab, die von rechts oben bis in die Mitte verlief, und genau an dieser Stelle wurde hieratischer Text von einer anderen Stelle in der Sammlung eingefügt in einen Text, der ansonsten ein mit Hieroglyphen beschriebenes Dokument ist. Im Fall von Faksimile 3 haben wir weder das Original noch eine zeitgenössische Zeichnung davon, aber der Kopf der Figur auf der rechten Seite ist so deformiert, dass man klar davon ausgehen muss, dass der Papyrus schon beschädigt war, als er noch in Josephs Besitz war. Für mich ist das eigentlich alles nicht so wichtig. Ruben Hedlock, der Kupferstecher, der die Faksimiles angefertigt hat, füllte die Textlücken auf dem Papyrus aus, so gut er konnte, um komplette Bilder für die Veröffentlichung abzuliefern. Das hat er nicht getan, um irgendjemanden zu täuschen, sondern aus stilistischen Gründen. Ich vergleiche das mit dem Unterschied zwischen den Büchern Lehren des Propheten Joseph Smith und Die Worte Joseph Smiths. In den Lehren wurden die Predigten des Propheten zum Zwecke der Veröffentlichung gründlich bearbeitet. So wurden sie drastisch „bereinigt”. Das war nun mal der Stil zur Zeit der Veröffentlichung. Aber in den Worten wurden die Berichte von den Predigten des Propheten in Nauvoo so textgetreu wie irgend möglich wiedergegeben, wie sie tatsächlich in den Originalquellen überliefert sind, selbst, wo sie nur in fragmentarischem Zustand vorliegen, mit schlechter Grammatik und Rechtschreibfehlern und Textlücken und sonstigen Defiziten. Der bevorzugte Stil bei Veröffentlichungen hat sich mit der Zeit geändert, und die Wissenschaftler wollten keinen verschönerten und bearbeiteten Text mehr lesen. Die Bearbeitungen können beträchtlich sein, und die Wissenschaftler möchten gern die unvollkommenen Originaltexte sehen, so dass sie ihre eigenen Schlüsse aus ihnen ziehen können. Wir würden heute bei einer Veröffentlichung nicht mehr versuchen, die Textlücken in den Faksimiles  auszufüllen, aber es ist auch unfair, wenn wir, was Hedlock bei seinen Gravuren getan hat, mit unseren heutigen Maßstäben beurteilen würden, ohne zu berücksichtigen, welche Maßstäbe zu seiner Zeit galten.

Der zweite Problemkreis hat mit den von Joseph angebotenen Erklärungen der Faksimiles zu tun, die im Allgemeinen nicht den üblichen ägyptologischen Erklärungen entsprechen. Die bisher übliche Herangehensweise an diesen Problemkreis war, dass man sich auf die Erklärungen beschränkte, die passen oder sich doch wenigstens einigermaßen vertretbar auf dem gleichen Spielfeld bewegen. Zum Beispiel die Erklärung für Figur 6 auf dem Faksimile 2 besagt, dass die Figur „unsere Erde mit ihren vier Enden dar[stellt]”. Die Figur ist eine Abbildung der vier Söhne des Horus, die tatsächlich für die vier Haupthimmelsrichtungen stehen. Aber die meisten Erklärungen haben einen größeren Abstand zu dem üblichen ägyptologischen Verständnis als in diesem Fall.

Bei dieser Frage habe ich allerdings eine andere Perspektive, die ich in meinem Artikel „The Facsimiles and Semitic Adaptation of Existing Sources” (=Die Faksimiles und semitische Nachdichtungen von vorhandenen Quellen) in dem Buch Astronomy, Papyrus, and Covenant veröffentlicht habe. In dem Artikel habe ich mit einer Überprüfung der Umstände im Zusammenhang mit des Spalding Traktats und den mormonischen Reaktionen auf sie begonnen. Mir war aufgefallen, dass die Mormonen jener Zeit eine Anzahl oberflächlicher Hypothesen über dieses Material aufgestellt hatten, wie zum Beispiel, dass der Papyrus, der die Grundlage für das Buch Abraham war, ein autographisches Dokument sei (was bedeutet, dass Abrahams Hand genau diese Papyrusrolle, die nun in Josephs Besitz war, berührt hatte), oder dass die Vignetten, die die Vorlage für die Faksimiles gewesen waren, von Abraham gezeichnet worden und somit ähnlich autographisch waren, und dass somit keine antike Überlieferung (sprich Bearbeitung) dieser Texte stattgefunden hatte.  Die Mormonen, die nun auf Spaldings Traktat reagierten, verwarfen schnell diese oberflächlichen Hypothesen, aber da so wenige Leute heutzutage dieses Material je gelesen haben, sind sich die Heiligen der Letzten Tage oft dessen nicht bewusst und tendieren eher dazu, diese Hypothesen aufrecht zu halten. Aber die Papyrusrollen in Josephs Sammlung stammen nicht aus der Zeit Abrahams im Mittleren Bronze-Zeitalter; sie stammen aus der Ptolemäischen Zeit, oder grob gesagt, aus griechisch-römischer Zeit. Es gab also gar kein autographisches Material in dieser Sammlung, sondern bestenfalls Kopien. Wenn wir nun aber anerkennen, dass wir von Kopien sprechen und nicht von autographischen Originalen, dann steht die Tür weit offen für die verschiedensten Prozesse antiker Textüberlieferung, wie sie den Gelehrten heute bekannt sind. Zu diesen gehören das Abschreiben von Texten, die Übersetzung von einer Sprache in eine andere, das Übertragen von einem Medium in ein anderes und natürlich die Bearbeitung. Weiter, wenn wir sehen dass es um eine textliche Überlieferung geht, dann können wir auch vermuten, dass der Text und die Faksimiles aus verschiedenen Quellen stammen.

So fragte ich mich, was wäre, wenn Abraham seinen Text zum Beispiel in Akkadisch auf Tontafeln verfasst hat, was viel wahrscheinlicher für einen Semiten im Mittleren Bronze-Zeitalter wäre als mit dem Pinsel und Tinte auf Papyrus zu schreiben? Und was wäre, wenn die Vignetten, die die Vorlage zu den Faksimiles abgaben, aus einer anderen Quelle stammten als der eigentliche Text? Und wenn dann dieser Text in die Hände eines ägyptischen Juden  aus der griechisch-römischen Zeit gelangt wäre (ich habe diesen hypothetischen Schreiber aus Spaß J-Red für „jüdischer Redakteur” genannt), kann er möglicherweise ägyptische Vignetten als Illustration für die Abraham-Geschichte in dem Text hinzugezogen oder adaptiert haben. Das scheint vielleicht auf den ersten Blick etwas weit hergeholt, aber ich habe mich dann daran gemacht, mehrere Bespiele zu zeigen, die aus jener Zeit und jener Gegend stammen, wo genau das geschehen ist. Zum Beispiel in „Abrahams Testament” (ein Text, der  Anfang des zweiten Jahrhunderts im ägyptischen Judentum entstanden sein soll), wurde die Vignette die zu Kapitel 125 in dem ägyptischen „Buch der Toten” gehört, abgewandelt auf semitische Verhältnisse. Osiris, der auf dem Richterstuhl sitzt, wird zu Abel; die ägyptischen Götter werden zu semitischen Engeln; der Schreiber Thoth wird der biblische Enoch. So komme ich als eine Möglichkeit zu dem Schluss, dass „Was die Vignette zu Kapitel 125 des Buches der Toten für das „Testament Abrahams” ist, sind die Faksimiles für das Buch Abraham.”

Ein weiteres Beispiel, das ich aus der gleichen Zeit angab, ist die demotische Geschichte von Setna, die jüdischen Überlieferungen angepasst wurde mit sieben Teilstücken rabbinischer Geschichten und schließlich ihren Weg in das Evangelium des Lukas als die Geschichte von Lazarus und dem reichen Mann fand. In jenem Evangeliumsbericht ist Abraham der jüdische Ersatz für den ägyptischen Osiris, genau so wie wir es in den Faksimiles 1 und 3 sehen. So war es also ganz normal für Juden, die in Ägypten gegen Ende dieses Zeitalters lebten, ägyptische religiöse Bilder zu übernehmen oder zu adaptieren, um sie für ihre eigenen Zwecke als Illustration für ihre eigenen Geschichten zu nutzen. Nun, in meinem veröffentlichten Aufsatz bin ich nicht ausdrücklich so weit gegangen, aber lassen Sie mich hier einmal feststellen, dass, wenn es damals akzeptabel für Juden war, ägyptische religiöse Bilder für ihre eigenen Zwecke zu übernehmen bzw. zu adaptieren, indem sie Abraham zu einem semitischen Ersatz für Osiris machten, warum sollte es nicht auch für Joseph Smith akzeptabel sein, selbst das gleiche zu tun?

Kritiker des Buches Abraham konzentrieren sich gern auf das exotische ägyptische Material; das ist schließlich die Stärke ihrer Argumentation. Aber wie steht es mit der englischen Version des Buches Abraham? Das muss doch irgendwoher gekommen sein, und es ist immerhin ein eindrucksvoller Text. Klaus Baer, Nibleys Freund und Mentor beim Studium der Ägyptologie am Orientalischen Institut der Universität Chicago war beeindruckt vom Buch Abraham und war der Meinung, dass, wenn das Buch Abraham in das normale moderne Englisch übersetzt worden wäre und nicht in die Sprache der King James Bibel, dann hätte es in jeglicher Hinsicht den Eindruck eines antiken Buches gemacht. Viele Details im englischen Buch Abraham, die mit Themen wie dem Versuch, den jungen Abraham zu opfern oder Abrahams Belehrung der Ägypter in Sachen Astronomie sind zwar Dinge, die in dem kanonischen Text der Bibel fehlen, die aber tatsächlich in anderen antiken religiösen Texten überliefert sind. Es gibt ein sehr umfangreiches Buch, das im Maxwell Institut unter dem Titel Traditions of the Early Life of Abraham (=Überlieferungen aus den ersten Lebensjahren Abrahams) veröffentlicht wurde und viele Beispiele von Material enthält, dass dem sehr ähnlich ist, was wir im Buch Abraham haben.

Schließlich müssen wir aber doch sagen, dass die Akzeptanz des Buches Abraham eine Glaubenssache ist, was letztlich auf alle Heiligen Schriften zutrifft, ob sie nun antik oder modern sind, ob sie aus der Alten oder der Neuen Welt stammen. Ich persönlich halte das Buch Abraham für ein völlig faszinierendes kleines Buch. Ich habe dieses Buch über 30 Jahre lang mit großem Interesse studiert. In einer Kiste in meiner Vorratskammer habe ich eine umfangreiche Sammlung seltener, vergriffener und kaum noch zu bekommender Materialien über dieses Buch. Ich will nicht behaupten, dass ich alles weiß, was man über dieses Buch nur wissen kann; aber mir sind die Debatten, die mit ihm während der letzten 150 Jahre zu tun hatten, vertraut. Ich bin nach wie vor interessiert an und fasziniert von dieser kleinen Perle von einem Text, und, ja, ich akzeptiere es voll und ganz als Heiligen Schrift göttlichen Ursprungs.

 

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Last Updated November 07, 2009
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