Religion und Wissenschaft — ein unlösbares Spannungsfeld?

 

Peter Wöllauer

Beitrag auf der ersten deutschsprachigen FAIR-Konferenz
Frankfurt am Main am 28. März 2009)

Ich möchte mit einem Zitat von Henry Eyring beginnen. Für mich ist Dr. Eyring, der Vater von Präsident Henry B. Eyring, eine besonders wichtige Autorität. Ich habe von ihm in meinem Chemiestudium gehört, noch bevor ich mit den Missionaren in Kontakt kam. Der Chemiker und Metallurge Eyring ist einer der wesentlichen Schöpfer der Theorie der Übergangszustände, einer sehr fruchtbaren Theorie im Bereich der Reaktionskinetik. Nun zu seinen Worten, mit denen er sein Büchlein „The Faith of a Scientist” (Der Glaube eines Wissenschaftlers) begonnen hat:

Ich wurde als ein Jünger der Wissenschaft angekündigt. Ich halte mich aber auch für jemanden, der das Evangelium Jesu Christi liebt. Für mich hat es nie ernsthafte Schwierigkeiten dabei gegeben, die Grundsätze wahrer Wissenschaft mit den Grundsätzen wahrer Religion in Einklang zu bringen, denn beide beschäftigen sich mit den ewigen Wahrheiten des Universums.”

Auch ich stehe auf diesem Standpunkt und möchte noch hinzufügen: Wissenschaft und Religion sind gar nicht so verschieden. Das möchte ich im Folgenden aufzeigen. Eine umfassende Behandlung des Themas ist jedoch in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen.

Die Ziele

 

Sowohl Wissenschaft als auch Religion haben das Ziel, die Welt zu erklären. In der Wissenschaft steht das Materielle im Zentrum der Aufmerksamkeit, in der Religion mehr das Geistige. Bezüglich der Themen, um die es geht, gibt es große Überlappungen der beiden Bereiche.

Heutige Wissenschaft klammert Gott aus ihren Betrachtungen aus. Das heißt aber nicht, dass Wissenschaftler nicht an Gott glaubten, das heißt nur, dass Gott in wissenschaftlichen Fragen als Erklärungsansatz keine Rolle spielt. So gesehen ist Wissenschaft gottlos, nicht gegen, sondern ohne Gott.

Es gibt sowohl in der Wissenschaft als auch in der Religion das Befassen mit der Thematik um ihrer selbst willen, ohne damit eine praktische Absicht zu verbinden. Meist werden jedoch sowohl Wissenschaft als auch Religion mit der Absicht verbunden, das Leben von Menschen zu verbessern. Dabei zielt die Wissenschaft in Form von Medizin und Technik, mit Sozialwissenschaften und Physik darauf ab, das materielle Leben und das Zusammenleben von Menschen zu erleichtern und angenehmer zu gestalten, Gefahren zu beseitigen oder zumindest vor ihnen konkret warnen zu können, um fliehen zu können. In Bezug auf die Chemie hat dies Justus von Liebig in diese Worte gekleidet: Die Chemie ist doch im Grunde nur ein Rechenexempel, was zuweilen nur deshalb befriedigt, weil es sinnreich angelegt und die Formel einfach ist; zuletzt ist ihr Zweck weiter nichts, als eine gute Stiefelwichse oder die Kunst zu finden, das Fleisch gar zu kochen, um es verdaulicher zu machen. (Liebig an Wöhler, zitiert in „Was nicht in den Annalen steht, Chemiker Anekdoten, Verlag Chemie, Weinheim 1969, 6. Auflage).

Die Religion befasst sich mehr mit dem Wohlbefinden in einem Leben, das nach dem Tod gesehen wird. Doch auch das Miteinander im Erdenleben soll durch Religion verbessert werden, durch ethisches und moralisches Verhalten der Menschen zueinander.

So gesehen sind die Motive von Religion und Wissenschaft im Grunde gleich: Neugier zu entwickeln, Erklärungen für die Welt zu finden, das Leben für die Menschen angenehmer und befriedigender zu machen.

So darf es auch nicht erstaunen, dass sowohl in der Wissenschaft als auch in der Religion eine Reihe von Begriffen eine bedeutsame Rolle spielen. Ich möchte heute zeigen, dass die Unterschiede zwischen den beiden großen Wegen der Welterklärung und Weltverbesserung in der Vorgehensweise gar nicht so verschieden sind, wie es oftmals erscheint. Hier möchte ich mich auf eine Besprechung der folgenden Begriffe und ihrer Rolle in Religion und Wissenschaft beschränken:

  • Glauben

  • Objektivität und Wahrheit

  • Autorität

  • Bilder und Gleichnisse

Glauben

Der Prophet Alma hat zum Glauben gesagt: Glaube heißt nicht, dass man eine vollkommene Kenntnis von etwas hat; wenn ihr darum Glauben habt, so hofft ihr auf etwas, was man nicht sieht, was aber wahr ist. (Alma 32:21).

Glauben steht immer am Anfang menschlichen Handelns. Alma hat das so beschrieben: Nun, wie ich vom Glauben gesagt habe, – dass er nicht eine vollkommene Kenntnis sei – so ist es auch mit meinen Worten. Ihr könnt zunächst nicht bis zur Vollkommenheit wissen, dass sie gewiss und wahr sind, ebensowenig wie der Glaube vollkommenes Wissen ist.
Aber siehe, wenn ihr eure Geisteskraft weckt und aufrüttelt, um mit meinen Worten auch nur einen Versuch zu machen, und zu einem kleinen Teil Glauben ausübt, ja, selbst wenn ihr nicht mehr könnt, als dass ihr den Wunsch habt zu glauben, dann lasst diesen Wunsch in euch wirken, ja, bis ihr auf eine Weise glaubt, so dass ihr einem Teil meiner Worte Raum geben könnt.
(Alma 32:26-27)

Das bezieht sich auf alle Lebensbereiche, also nicht nur auf Religion und Wissenschaft, sondern auch auf das alltägliche Leben. Wenn man diesen Worten Raum gibt, dann wird man dazu veranlasst zu handeln. Man setzt sich ins Auto und dreht den Zündschlüssel in dem Glauben, dass es anspringen wird, man verlangt in einer Metzgerei eine Leberkässemmel in dem Glauben, dass es dort Semmeln und Leberkäs gibt, man gibt einem Patienten ein bestimmtes Medikament in dem Glauben, dass es das Leiden lindert, man betet zu Gott in dem Glauben, dass er antworten wird (zumindest tut man das als Mormone). All diese Handlungen geschehen ohne Gewissheit. Die Gewissheit ergibt sich erst aus dem Ergebnis von glaubensvollem Handeln: Das Auto springt an, ich bekomme eine Leberkässemmel, das Medikament hilft und Gott antwortet. Auf der Basis dieser Erfahrungen wird der Glauben stärker und bewegt zu neuerlichem entsprechendem Handeln. Glaubensvolles Handeln führt also zu sichtbaren oder fühlbaren Ergebnissen.

Ich denke, dass im religiösen Bereich aus Glauben heraus gehandelt wird, braucht keine weitere Erklärung. Betrachten wir in dieser Hinsicht also die Wissenschaft. Schon lange befassen sich Philosophen, die zum Teil auch Naturwissenschaftler sind, mit dem Studium der Frage, auf welche Weise Erkenntnisse gewonnen werden.

Karl Popper, einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, hat sich mit diesem Problem besonders in seinem Werk „Logik der Forschung” von 1934 befasst, das er Zeit seines Lebens durch Anhänge und Anmerkungen erweiterte. Alleine aus dieser Tatsache kann gefolgert werden, dass das Problem des Erkennens nicht leicht zu fassen ist.

Popper sagt, dass eine Theorie oder zumindest eine Hypothese am Anfang wissenschaftlicher Forschung steht. Eine solche Aussage wird festgelegt, und kann nicht logisch begründet werden. Sie hat also etwas Willkürliches an sich. Danach versucht der Wissenschaftler durch geeignete Experimente die Theorie zu widerlegen (häufig überlässt er dies seinen Kollegen). Lassen sich Befunde von Experimenten durch die Theorie erklären, so hat sich diese bewährt. Widersprechen Befunde der Theorie, so ist die Theorie damit als falsch erwiesen, sie ist falsifiziert. Auch eine Theorie, die sich bewährt hat, hat sich damit nicht als wahr erwiesen, denn sie könnte ja durch ein anderes Experiment später falsifiziert werden. Es gibt also keine Möglichkeit, die Wahrheit einer Theorie zu beweisen. So jedenfalls sieht Popper das wissenschaftliche Vorgehen im Prinzip und damit ist der Wissenschaftler gar nicht so weit vom religiös Gläubigen entfernt.(Popper verfeinert seine Lehre natürlich noch wesentlich, doch das ist der Kern).

Die Fabel von der absoluten Realität wissenschaftlicher Forschung wird auch von einem anderen Philosophen und Historiker zurückgewiesen, von Thomas Kuhn, der einen ganz anderen Ansatz verfolgt. In seinem Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” spricht er davon, dass die Sichtweise der Welt sehr stark von der Gesellschaft geprägt wird, in der der betreffende Mensch lebt und aufgewachsen ist. Kuhn sagt: „Individuen, die in verschiedenen Gesellschaften aufgewachsen sind, verhalten sich in manchen Fällen, als sähen sie verschiedene Dinge. Wären wir nicht versucht, Reize eindeutig mit Empfindungen zu identifizieren, so könnten wir erkennen, dass sie tatsächlich Verschiedenes sehen.”

Kuhn hat den mittlerweile sehr stark strapazierten Begriff des Paradigma eingeführt. Ein Paradigma ist ein System von Regeln und Sichtweisen, die das Verhalten in einer bestimmten Gesellschaft regeln und begrenzen, einschließlich der Fragestellungen und der zulässigen Antworten in der Wissenschaft dieser Gesellschaft. Unterschiedliche Paradigmen führen daher zu unterschiedlichen Antworten. Die Rahmenbedingungen eines Paradigmas werden als unverrückbar angenommen. Wenn sich jemand in einem Paradigma befindet, in dem es keinen Gott gibt, so wird er alle Phänomene so erklären, dass er dafür das Konzept eines Gottes oder auch nur einer höheren Macht gar nicht benötigt. Berichte von Visionen und Offenbarungen werden daher in einem solchen Paradigma meist psychologisch bzw. neurophysiologisch erklärt als Halluzinationen, die durch psychische Erkrankungen oder Störungen im Nervensystem entstehen. Ist das die Wahrheit? Nein, es ist nur die Erklärung des Phänomens, das durch die Randbedingungen des betreffenden Paradigmas erlaubt ist. Werden immer mehr Ereignisse wahrgenommen, die im Rahmen des Paradigmas nicht zufriedenstellend erklärt werden können, so wird das Paradigma selbst von einigen wagemutigen Pionieren, die sich außerhalb der Gesellschaft stellen, in Frage gestellt und schließlich durch ein neues ersetzt, das die Phänomene besser erklärt. Um bei unserem Beispiel zu belieben: Je mehr Menschen persönliche Offenbarungen und die Macht des Heiligen Geistes erlebt haben und erkannt haben, dass sich diese Phänomene mit der Realität im Einklang befinden, desto eher muss man dieses säkulare Paradigma verlassen und durch eines ersetzt werden, in dem die Existenz eines Gottes, der mit den Menschen kommuniziert, akzeptiert wird. Dieser Paradigmawechsel gilt aber auch in der Wissenschaft selbst. So wurde etwa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts angenommen, dass sich die Welt rein mechanistisch erklären ließe. Das heißt, wenn der Zustand des Universums zu einem beliebigen Zeitpunkt exakt bekannt ist, könne man den Zustand zu jedem anderen Zeitpunkt exakt berechnen. Die Einführung der Quantenmechanik machte dieser Ansicht ein Ende, was beispielsweise die Einführung der Unschärferelation von Heisenberg deutlich macht, die aussagt, dass man den Ort und den Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig exakt bestimmen könne.

Hier wird sichtbar, dass nicht nur das religiöse Leben sondern auch die Wissenschaft sehr stark von Glauben bestimmt wird, davon, welche Grundbedingungen, die man nicht beweisen kann, für wahr gehalten werden. Diese Grundbedingungen liefern auch die Motivation für das Handeln des Menschen. Glauben ist die Triebfeder für alles, was der Mensch absichtlich tut.

Die Denksysteme von Popper, der kritische Rationalismus, und von Kuhn mit seinen Paradigmen sind natürlich wesentlich komplexer als hier geschildert werden kann. Beide Gelehrte, die sich wirklich viele Jahrzehnte lang mit dem Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis auseinandergesetzt haben, zeigen jedoch ganz klar: Die Sicherheit und Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis, die so oft beschworen wird, ist nicht zu finden.

Objektivität, Erfahrung und Wahrheit

Es wird oft behauptet, nur Wissenschaft liefere objektive, nachvollziehbare Ergebnisse, bei Religion sei das Erleben subjektiv und für andere nicht nachvollziehbar. Dem möchte ich energisch widersprechen. Auch Wissenschaft ist nicht wirklich objektiv, sie scheint nur so. Nehmen wir Mathematik. Mathematische Beweise gelten als Musterbeispiele für Objektivität. Doch sogar diese sind eigentlich subjektiv. Für mich wird ein mathematischer Beweis erst dann zu meiner Gewissheit, wenn ich ebenfalls den Weg gegangen bin, den der Mathematiker gegangen ist, der ihn aufgestellt hat. Ich muss ganz subjektiv das nach-denken, was ein anderer vor-gedacht hat. Solange ich das nicht tue, beweist mir das nichts. Das gilt auch für alle anderen Wissenschaften und eigentlich für alle Arten wissenschaftlicher Experimente.

So gesehen habe ich, jedenfalls so wie wir das in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage lehren, auch im religiösen Bereich die Möglichkeit, die Aussagen anderer durch persönliches Erleben nachzuvollziehen und so den für mich gültigen Beweis zu erlangen. Genau wie in der Wissenschaft muss ich natürlich die geeignete Methode und die geeigneten Instrumente verwenden. Um Luftdruck zu messen ist ein Thermometer nicht geeignet. Es wäre dumm, nach einem vergeblichen Versuch, mit einem Thermometer den Luftdruck zu messen, zu behaupten, es gäbe keinen Luftdruck. Ebenso dumm ist es, zu behaupten, es gäbe keinen Gott, da er mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar ist. Für diese Frage ist die Naturwissenschaft einfach nicht die richtige Methode. Gebet, das zu persönlicher Offenbarung führt ist hier die Methode.

Ein Gegenstand andauernder Untersuchungen ist die Frage nach der Wahrheit einer Theorie. Karl Popper ist der Meinung, dass man den Wahrheitsgehalt einer Theorie nie sicher ergründen kann, man kann nur im Vergleich von zwei Theorien sagen, dass die eine besser geeignet ist, korrekte Voraussagen zu machen als die andere. Sein kritischer Rationalismus ist bestrebt, eine Theorie zu widerlegen, sie zu falsifizieren. Man könne den Wahrheitsgehalt einer Theorie grundsätzlich nicht beweisen, da man nicht wissen könne, wie weit sie von der Wahrheit entfernt sei. Dieser Gedanke lässt sich auch auf Religion anwenden. Atheisten behaupten ja, es sei sicher, dass es keinen Gott gäbe. Das wäre aber nur dann sicher, wenn es eine bewiesene Tatsache gäbe, die mit der Existenz Gottes logisch unvereinbar wäre. Eine solche Tatsache wurde aber nicht gefunden. Eigentlich dürfte es daher keine Atheisten geben, sondern höchstens Agnostiker. Oder anders gesagt: Die Aussage „Es gibt keinen Gott” ist unzulässig, nur die schwächere Aussage „Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt” ist zulässig.

Was ist Wahrheit? Über diese Frage wird in der Philosophie seit Jahrtausenden diskutiert. Vor allem geht es darum, wie Wahrheit zu erkennen sei. Popper meint, sie sei gar nicht zu erkennen. Von unserer Religion her sagen wir, sie sei durch persönliche Offenbarung zu erkennen, wobei angenommen wird, dass persönliche Offenbarung von einem allweisen, liebenden Gott kommt, der uns als seine Kinder fördern und nicht belügen wolle. (Nebenbei: Es gibt eine indische Religion in der die Ansicht vertreten wird, unser Gott, der Christengott sei von untergeordnetem Rang und verfolge eigene Zwecke, in denen er die Menschen belügt, um sie in seinem Sinn zu manipulieren.)

Die Wissenschaft hat, zumindest theoretisch, die Frage nach der Wahrheit ausgeklammert. In der Wissenschaft wird nicht danach gefragt, ob eine Theorie wahr ist, sondern ob sie funktioniert. Dazu hat sich der Physiker Heinrich Hertz geäußert. Er sagte: „Die Physik macht sich Bilder von den Naturgegebenheiten auf eine solche Weise, dass die denknotwendigen Folgen dieser Bilder Bilder von den naturnotwendigen Folgen der Gegebenheiten sind.” Eine wissenschaftliche Theorie muss Voraussagen erlauben, die möglichst irgendeinen praktischen Nutzen ergeben. Für diesen Zweck ist es unerheblich, ob die Theorie wahr ist oder nicht. Sie wird einfach als nützliches Werkzeug betrachtet. Sobald die Voraussagen einer Theorie nicht mehr zu praktisch verwendbaren Voraussagen führen, wird nach einer Verbesserung der Theorie getrachtet oder überhaupt eine neue Theorie geschaffen.

Mit der Wahrheit von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist es also nicht sehr weit her. Wissenschaftliche Aussagen sind immer vorläufig und müssen sobald neue Erkenntnisse verfügbar sind abgeändert werden. Das lässt sich ganz einfach zeigen, wenn man ein älteres Lehrbuch mit einem neuen vergleicht. Es reicht schon ein Abstand von zwanzig Jahren, bei 50 Jahren wird der Unterschied überdeutlich, egal ob es sich um Physik, Astronomie, Archäologie, Meteorologie, Chemie oder sonst eine Wissenschaft handelt.

Popper spricht von „kritischem Rationalismus” in den Wissenschaften. Das heißt, dass es zu den eingeführten Vorgehensweisen in den Wissenschaften gehört, die Aussagen und vor allem die Schlussfolgerungen aus experimentellen Befunden von Kollegen zu kritisieren. Es geht darum, andere, alternative Erklärungsmöglichkeiten zu finden, die vielleicht besser mit den experimentellen Daten im Einklang stehen als die ursprüngliche Erklärung. Alleine schon diese allgemein übliche und geschätzte Vorgehensweise zeigt, dass Wissenschaft nicht den Anspruch hat, absolut wahr zu sein. Meist gibt es mehr als eine Erklärungsmöglichkeit und welcher der Vorrang gegeben wird, hängt vom persönlichen Glauben an eine bestimmte Theorie des betreffenden Forschers ab. Das gilt in gewissem Maß für Naturwissenschaften, wird aber noch stärker in historischen Wissenschaften wie Geologie, Geschichte, Archäologie oder Paläontologie angewendet, in denen man auf bruchstückhafte Befunde angewiesen ist und wo man kaum die Möglichkeit hat, die historischen Geschehnisse durch praktische Experimente nachzuprüfen. Man ist also auch als rational denkender Mensch keineswegs gezwungen, alle wissenschaftlichen Aussagen für bare Münze zu nehmen. Das gilt in besonderem Maß für übliche Interpretationen von archäologischen Befunden im Zusammenhang mit der Bibel oder dem Buch Mormon. Diese sind immer stark vom Paradigma beeinflusst, in dem der betreffende Forscher lebt.

Autorität

Es gilt in der Wissenschaft der Grundsatz, dass es schlechteste Wissenschaft sei, etwas auf Grund der Autorität eines anderen anzunehmen. Bei Licht besehen bleibt einem in der Praxis jedoch gar nichts anderes übrig. Es ist unmöglich, alle wissenschaftlichen Aussagen durch eigene Experimente und Berechnungen nachzuprüfen. Jeder Wissenschaftler muss sich in weitem Maße darauf verlassen, dass seine Kollegen sorgfältig gearbeitet haben und zu korrekten Schlüssen gekommen sind. Das geschieht natürlich nicht blindlings, sondern einige Kollegen überprüfen die Aussagen durch eigene Arbeiten. Dann aber werden die Ergebnisse allgemein für gültig erachtet und nicht weiter überprüft. Manchmal führte diese Praxis bereits dazu, dass Irrtümer oder bewusste Fälschungen viele Jahre lang in der wissenschaftlichen Gemeinschaft für korrekt gehalten wurden. Ein Beispiel dafür ist der angeblich hohe Eisengehalt von Spinat. Generationen von Müttern haben ihren Kindern kiloweise Spinat hineingezwungen, um sie in reichlichem Maße mit dem so wichtigen Eisen zu versorgen. Erst vor einigen Jahren hat sich durch eine neuerliche Analyse herausgestellt, damit die ursprüngliche Aussage fehlerhaft war und Spinat nicht mehr Eisen enthält als andere grüne Blätter. Zur Eisenversorgung sollten Kinder lieber Fleisch essen. Ein neueres Beispiel ist eine Untersuchung über die Schädlichkeit von Handy-Strahlung, die sich im Nachhinein als auf bewusster Fälschung von experimentellen Daten basierend herausgestellt hat.

Auch in der Religion stützen wir uns auf Autoritäten. Am besten stützen wir uns dort direkt auf göttliche Autorität: Was Gott uns persönlich durch Offenbarung mitteilt, gilt für uns. Wir können auch der Autorität von Propheten vertrauen und ihre Lehren akzeptieren. Das aber am besten nur dann, wenn diese Autoritäten durch eine höhere Autorität abgesichert sind: Wir brauchen persönliche Offenbarung, dass die Aussagen des Propheten tatsächlich vertrauenswürdig sind. Das gilt auch für Aussagen, die schriftlich niedergelegt sind in der Bibel, im Buch Mormon und in Lehre und Bündnisse oder der köstlichen Perle, sowie in Aufzeichnungen der Generalkonferenzen. So sehen wir in diesem Bereich durchaus große Ähnlichkeiten zwischen dem wissenschaftlichen Vorgehen und dem Vorgehen in unserer Religion.

In beiden Bereichen gibt es Vertreter, die sehr mangelhaft und schlampig arbeiten. Sie sind es, die den ganzen Bereich in Verruf bringen. Als Karl Marx sagte: „Religion ist Opium für das Volk„, hatte er Geistliche vor Augen, die mit den abgewandelten Lehren ihrer Religion die Menschen im Sinne der Herrschenden manipulierten. Das ist jedoch dann nicht möglich, wenn die Religion „des Volkes” nicht von den Auslegungen der Geistlichen abhängt (die sich in der Christenheit ja jahrhundertelang brutal dagegen gewehrt haben, dass die Bibel in die Hand des „gemeinen Mannes” kommt.) Dieser verwerfliche Missbrauch des Glaubens ist dann unmöglich, wenn Glaubenssätze überprüft werden können. In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind die Glaubenssätze überprüfbar: Durch persönliche Offenbarung aufgrund einer innigen Frage im Gebet. Wahre Religion kann daher nicht Opium für das Volk sein, sie ist im Gegensatz dazu nahrhaftes und köstliches Brot des Lebens.

Auf der anderen Seite bemängeln Evangelikale zu Recht, dass atheistische Wissenschaftler den Glauben an Gott lächerlich machen und behaupten, Gott sei mit wissenschaftlich-technischen Methoden widerlegt. Exemplarisch dazu die angebliche Aussage des ersten sowjetischen Astronauten Juri Gagarin, der gesagt haben soll, er habe im Himmel keinen Gott getroffen. Solche Aussagen sind unberechtigt und haben mit wahrer Wissenschaft nichts zu tun. Doch schütten religiöse Kritiker das Kind mit dem Bade aus, wenn sie Wissenschaft, wie sie an den Universitäten der Welt gelehrt wird, generell als teuflisch ablehnen. Solide Wissenschaft führt zu wertvollen Erkenntnissen, die den Menschen, auch religiösen Menschen, helfen können, ihr Leben zu verbessern und mehr Freude zu erlangen.

Bilder und Gleichnisse

Eine weitere Ähnlichkeit zeigt sich in der Verwendung von Gleichnissen, sowohl in der Religion als auch in der Wissenschaft. In beiden Bereichen werden Bilder aus der Alltagswelt verwendet, um abstrakte Sachverhalte zu verdeutlichen. Dazu kommt in der Wissenschaft noch, dass dort mathematische Bilder verwendet werden, im allgemeinen in Form von Gleichungen unterschiedlicher Form, um Sachverhalte fassbar zu machen. Diese mathematischen Bilder, die Goethe übrigens gänzlich aus der Naturwissenschaft verbannen wollte, entstammen natürlich nicht mehr der allgemeinen Alltagswelt. Sie entstammen aber der wissenschaftlichen Alltagswelt. Allen Naturwissenschaften ist heute die Verwendung von mathematischen Bildern gemeinsam. Mathematisch Gebildete verstehen diese Bilder grundsätzlich. Ein Naturwissenschaftler versteht was gemeint ist, wenn ein Kollege eine mathematische Formel niederschreibt, da beide auf diesem Gebiet vergleichbare Erfahrungen haben.

Im Bereich der Religion ist das analog. Jemand, der den Einfluss des Heiligen Geistes selbst verspürt hat weiß, was ein anderer meint, wenn er vom Brennen im Herzen spricht. Jeder der es schon gefühlt hat weiß, was mit geistiger Finsternis gemeint ist.

Ohne gemeinsame Erfahrungen sind diese Dinge aber nicht kommunizierbar. Wer Mathematik nicht kennt, für den sind mathematische Formeln nur sinnloses Gekritzel, wer geistige Erlebnisse nicht kennt, für den sind auch bildhafte Ausdrücke nur leeres Geschwätz.

Fazit

Wer Wissenschaft verteufelt oder andererseits Religion lächerlich macht, der hat nicht verstanden. Beide Vorgehensweisen sind Früchte menschlichen Denkens und daher grundsätzlich ähnlich. Beide sind begrenzt durch die Auffassungsfähigkeit des Menschen und hängen vom Standpunkt ab, den jemand einnimmt. Es stimmt nicht, dass Religion und Wissenschaft miteinander im Widerspruch liegen. Ihre Betrachtungsweisen nehmen einen besonderen Blickwinkel ein und führen daher zu Erklärungen für unterschiedliche Aspekte des Universums und unseres Daseins. Die Tatsache, dass bedeutende Wissenschaftler durchaus religiös sind und waren, zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Religion und Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Beispiel für eine solche Haltung sind Newton, Gauß, Einstein, Eyring und viele mehr.

Heutige Wissenschaft ist zwar grundsätzlich gottlos, da Gott und sein Eingreifen in wissenschaftlichen Theorien nicht mit in Betracht gezogen wird, sie ist aber nicht gegen Gott oder Religion. Wahre Religion kann auch nicht gegen Wissenschaft sein. Wir haben von Gott den Auftrag erhalten, zu forschen und die Welt in all ihren Aspekten kennen zu lernen:

Lehrt eifrig, und meine Gnade wird mit euch sein, damit ihr noch vollkommener unterwiesen seiet in Theorie, in Grundsätzlichem, in der Lehre, im Gesetz des Evangeliums, in allem, was das Reich Gottes betrifft und was ratsam ist, dass ihr es versteht; in dem, was sowohl im Himmel als auch auf der Erde und unter der Erde ist; dem, was gewesen ist, dem, was ist, dem, was sich in Kürze begeben muss; dem, was daheim ist, dem, was in der Fremde ist; den Kriegen und den Verwirrungen der Nationen und den Strafgerichten, die auf dem Lande lasten; und auch einer Kenntnis von Ländern und von Reichen— damit ihr in allem bereit seiet, wenn ich euch abermals aussende, um die Berufung, zu der ich euch berufen habe, und die Mission, mit der ich euch beauftragt habe, groß zu machen. (LuB 88:78-80)

So rufe ich den wahren Gläubigen zu: Keine Angst vor solider Wissenschaft! und zu den aufrichtigen Wissenschaftlern sage ich: Scheut euch nicht vor der in sich logischen und folgerichtigen Religion.

Viele der häufigen Kontroversen zwischen Religion und Wissenschaft rühren von Schlamperei im Denken und von Missbrauch auf beiden Seiten her. Oft ist es auch so, dass jene am lautesten schreien, die am wenigsten Ahnung haben. Im Bereich der christlichen Religion werden oft viel zu viele Aussagen in die Bibel hineininterpretiert. Die Bibel soll uns geistige Wahrheiten vermitteln. Sie ist kein Lehrbuch der Naturwissenschaften. Kosmologische Aussagen darin sind im Rahmen des Weltverständnisses ihrer Entstehungszeit und Entstehungskultur zu sehen. Sie sind keine von Gott vermittelten wissenschaftlichen Aussagen. (Mehr dazu findet man zum Beispiel im Buch „Diagnose Glaubensschwäche” von Michael Ash, das heute hier erhältlich ist.)

Auf der anderen Seite wird die Wissenschaft gerade von vielen, die sie nicht wirklich kennen und verstehen, weit überbewertet. Für solche hat „Wissenschaft” den Charakter einer Ersatzreligion. Wie hier dargestellt, sind wissenschaftliche Aussagen keineswegs so sicher und so objektiv, wie viele glauben. Es ist notwendig, sowohl Religion als auch Wissenschaft möglichst von allen Übertreibungen und Fehleinschätzungen zu befreien. Dann haben beide Bereiche nebeneinander Existenzberechtigung und können für die Menschen zum Segen werden. Dann sind die Zeiten vorbei, wo die Wissenschaft durch all zu fanatischen Glauben an ihre Macht und an die Macht ihrer Tochter, der Technik, zu Leid durch Gesundheits- und Umweltschäden führte. Dann sind auch die Zeiten vorbei, in denen Religion durch fanatische Übertreibung, durch Intoleranz und durch Angst vor einem schrecklichen Dasein im Jenseits das Leben vieler vergiftete. Diese Missbräuche sind die eigentliche Ursache für Misstrauen, ja Ablehnung, zwischen den Lagern der Religiösen und der Weltlichen. Hoffen wir, dass gesteigertes Verständnis für die Denkweise der anderen zu mehr Verständnis und Toleranz und zu einer Annäherung der Standpunkte führt.

 

 

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Last Updated November 07, 2009
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