Die Historizität des Buch Mormons

Elder Dallin H. Oaks
Jährliches Dinner von F.A.R.M.S: Provo, Utah,
29. Oktober 1993

Aus dem Englischen:
The Historicity of the Book of Mormon

Einige die sich selbst als gläubige Heilige der Letzten Tage bezeichnen, vertreten die Ansicht, dass die Heiligen der Letzten Tage „die Behauptung, dass das Buch Mormon ein historischer Bericht der antiken Völker Amerikas wäre, aufgeben” sollten. [1] Sie sind der Meinung, dass es machbar wäre, das Buch Mormon als bloße fromme Fiktion mit einigem wertvollen Inhalt zu lesen und zu verwenden. Diese Vertreter einer sogenannten „höheren Kritik” werfen die Frage auf, ob das Buch Mormon, das unsere Propheten als die herausragendste heilige Schrift dieser Evangeliumszeit bezeichnet haben, in Wahrheit eine historische Fabel oder einfach eine Erzählung wäre.
Die Historizität, also die historische Authentizität des Buch Mormons ist eine so grundlegende Angelegenheit, dass sie zuallererst auf Glauben an den Herrn Jesus Christus beruht, was in dieser Angelegenheit, wie in allen anderen, der erste Grundsatz ist. Jedoch gibt es zum Gegenstand der Historizität des Buches Mormon viele untergeordnete Themen, von denen jedes einzelne Gegenstand eines ganzen Buches sein könnte. Es ist nicht meine Absicht, irgend eines dieser geringeren Themen zu kommentieren weder jene, von denen man sagt, sie würden das Buch Mormon bestätigen noch jene, von denen man sagt, dass sie es widerlegen.
Jene geringeren Gegenstände sind der Aufmerksamkeit wert. In einer früheren Rede an diese Gruppe hat Elder Neal A. Maxwell die Erklärung von Austin Farrer zitiert:
Wenn Argumente auch keine Überzeugung schaffen, so zerstört ihr Mangel doch Glauben. Was bewiesen scheint, wird vielleicht nicht vertreten. Doch das, von dem niemand die Fähigkeit zeigt, es zu verteidigen, wird rasch verlassen. Vernunftgemäße Argumente schaffen keinen Glauben, doch erhalten sie ein Klima, in dem Glauben gedeihen kann. (Austin Farrer über C.S. Lewis)
In diesen Bemerkungen trachte ich danach, vernunftgemäße Argumente zu benutzen, doch werde ich mich nicht auf Beweise stützen. Ich werde mich der Frage der Historizität des Buches Mormon vom Standpunkt des Glaubens und der Offenbarung nähern. Ich bin der Meinung, dass die Frage der Historizität des Buches Mormon im Grunde eine Differenz zwischen jenen ist, die sich ausschließlich auf Wissenschaft stützen, und jenen, die sich auf eine Kombination von Wissenschaft, Glauben und Offenbarung stützen. Jene die sich ausschließlich auf Wissenschaft stützen und Offenbarung ablehnen, erfüllen Nephis Prophezeiung, dass in den letzten Tagen Menschen „werden mit ihrer Gelehrsamkeit lehren und den Heiligen Geist leugnen, der zu reden eingibt.” (2. Nephi 28:4). Diejenigen, die das ausüben, konzentrieren sich üblicherweise auf eine begrenzte Anzahl von Themen wie Geographie, oder „Pferde” oder Übermittlung durch Engel oder Sprachmuster des 19. Jahrhunderts. Sie ignorieren oder übergehen die unglaubliche Komplexität des Berichtes des Buches Mormon. Jene, die sich auf Wissenschaft, Glauben und Offenbarung stützen sind bereit, das ganze Themenspektrum zu betrachten, sowohl bezüglich des Inhalts als auch der Wortwahl, sowohl durch Offenbarung als auch durch Ausgrabung.
Aus meiner Sicht als Anwalt spricht mehr für als gegen das Buch Mormon, wenn man willens ist, die Bedeutung des Glaubens und eine Realität jenseits des menschlichen Verstehens anzuerkennen. Es gilt, die Historizität des Buch Mormons als negativ zu beweisen. Die Zweifler können jedoch nicht etwas als negativ beweisen, indem Sie den Sinn der Aussagen ihres Gegenübers durch Hinzufügen von weiteren Diskussionen verfälschen.
Für mich geht diese offensichtliche Einsicht über vierzig Jahre zurück, als ich die erste Klasse über das Buch Mormon an der BYU besuchte. Die Klasse trug etwas herausfordernd den Titel „Archäologie des Buch Mormons.” Rückblickend denke ich, die Klasse sollte etwa einen Titel wie „Die Sichtweise eines Anthropologen auf einige für Leser des Buch Mormons interessante Gegenstände.” Dort wurde ich mit der Vorstellung bekanntgemacht, dass das Buch Mormon nicht die Geschichte aller Menschen sei, die jemals auf den Kontinenten Nord- und Südamerika in allen Erdzeitaltern gelebt haben. Bis zu der Zeit hatte ich angenommen, dass dem so wäre. Doch wenn es sich so verhielte, dann würde jedes historische, archäologische oder linguistische Beweisstück für das Gegenteil gegen die Historizität schwer wiegen gegen das Buch Mormon und jene, die sich ausschließlich auf Wissenschaft stützen, hätten eine vielversprechende Argumentationsposition.
Wenn im Gegensatz dazu das Buch Mormon nur beansprucht, der Bericht einiger weniger Leute zu sein, die einen Teil Amerikas während einiger Jahrtausende der Vergangenheit bewohnten, dann ändert sich die Beweislast drastisch. Es ist nicht mehr eine Frage des Alles oder Nichts, es ist die Frage nach dem Einiges gegen Nichts. Mit anderen Worten, unter den Umständen, die ich beschreibe, müssen die Gegner der Historizität beweisen, dass das Buch Mormon keinerlei historischen Wert für irgendwelche Völker hat, die in einem bestimmten Zeitrahmen in Amerika lebten. Eine offenkundig schwierige Übung. Man siegt nicht mit dieser Ansicht, wenn man beweist, dass eine bestimmte Eskimokultur Wanderungen aus Asien hinter sich hat. Die Gegner der Historizität des Buch Mormons müssen beweisen, dass die Menschen, deren religiöses Leben es berichtet, nirgendwo in Amerika lebten.
Eine andere Art, die Stärke der positiven Postion über Historizität des Buch Mormons zu erklären, liegt darin aufzuzeigen, dass wir, die wir seine Befürworter sind, dass wir mit einem Unentschieden in dieser Frage zufrieden sind. Aufrichtige Untersucher werden schließen, dass es so viele Indizien gibt, dass das Buch Mormon ein antiker Text ist, dass sie die Frage nach seiner Authentizität nicht zuverlässig lösen können, trotz einiger unbeantworteter Fragen, die die negative Ansicht zu stützen scheinen. Unter diesen Umständen können sich die Befürworter des Buch Mormons bezüglich der Frage der Historizität mit einem Unentschieden zufrieden geben oder einer Geschworenenbank mit Stimmengleichheit – und die Sache auf sich beruhen lassen, bis die Kontroverse in einem andern Forum nochmals verhandelt werden kann.
Ja, es ist unsere Haltung, dass weltliche Beweise die Authentizität des Buches Mormon weder beweisen noch widerlegen können. Seine Authentizität hängt, wie es selbst aussagt, von einem Zeugnis des Heiligen Geistes ab. Unsere Seite wird sich mit einem Unentschieden zufrieden geben, doch diejenigen, die die Historizität des Buches Mormon leugnen, können sich mit einem unentschieden nicht zufrieden geben. Sie müssen versuchen zu beweisen, das es nicht historisch ist – oder sie scheinen die Notwendigkeit zu verspüren, das tun zu müssen – und dabei sind sie erfolglos, da sogar die weltlichen Beweise in ihrer Ganzheit betrachtet dafür zu komplex sind.
Hugh Nibley bezog sich auf einen verwandten Punkt, als er schrieb:
Die erste Regel, wenn man sich mit dem Buch Mormon oder einem anderen antiken Text beschäftigt lautet, niemals zu sehr zu vereinfachen. Trotz seines einfachen und geradlinigen Erzählstils ist seine Geschichte wie wenige andere vollgepackt mit einem erstaunlichen Detailreichtum der dem flüchtigen Leser völlig entgeht…. Nur Faulheit und Einbildung führen einen Studenten zur frühen Überzeugung, er habe die endgültigen Antworten, was das Buch Mormon enthält.[2]
In Klammern möchte ich als Veranschaulichung dieses Punktes auf die Sprach-Kultur- und Schreibangelegenheiten hinweisen, die zur Unterstützung der Authentizität des Buch Mormons in Orson Scott Cards überzeugendem Aufsatz „Das Buch Mormon – echtes Produkt oder Trick” [The Book of Mormon – Artifact or Artifice] beschrieben sind. [3]
Ich bewundere die Wissenschaftler, für die Wissenschaft Glauben und Offenbarung nicht ausschließen. Es ist Teil meines Glaubens und meiner Erfahrung, dass der Schöpfer von uns erwartet, dass wir die Kräfte der Vernunft, die er in uns gelegt hat, benutzen und dass er auch von uns erwartet, dass wir unsere göttliche Gabe benutzen, ebenso dass wir unsere Fähigkeit pflegen, durch göttliche Offenbarung belehrt zu werden. Doch diese Dinge kommen nicht, wenn man nicht danach strebt. Diejenigen, die Wissenschaft anwenden und Glauben und Offenbarung herabsetzen, sollten über die Frage des Erlösers nachdenken: „Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?”(Johannes 5:44)
Gott lädt uns ein, mit ihm Gründe darzulegen, doch finde ich es bedeutsam, dass dieses Darlegen von Gründen, zu dem uns Gott einlädt, an geistige Wirklichkeiten und Reife gebunden ist und nicht an wissenschaftliche Erkenntnisse oder Reputation. Dreimal in neuzeitlicher Offenbarung hat der Herr vom Darlegen von Gründen mit seinem Volk gesprochen (LuB 45:10, 15; 50:10-12; 61:13; Siehe auch Jesaja 1:18). Es ist bedeutsam, dass all diese Offenbarungen an Personen gerichtet waren, die bereits Bündnisse mit dem Herrn eingegangen waren – an die Ältesten Israels und an die Mitglieder seiner wiederhergestellten Kirche.
In der ersten dieser Offenbarungen sagte der Herr, er habe sein immerwährendes Bündnis in die Welt gesandt, damit es ein Licht für die Welt sei, ein Maßstab für sein Volk. „Darum kommt zu ihm, und dem, der kommt, werde ich meine Gründe darlegen wie den Männern in alten Tagen, und ich werde euch meine starken Gründe zeigen”, sagte er (LuB 45:10) Dieses göttliche Angebot, vernünftig zu reden, war an diejenigen gerichtet, die Glauben an Gott gezeigt hatten, die von ihren Sünden umgekehrt waren, die in den Wassern der Taufe heilige Bündnisse mit dem Herrn geschlossen hatten und die den Heiligen Geist erhalten hatten, der vom Vater und vom Sohn zeugt und uns in die Wahrheit führt. Dieser Gruppe hatte der angeboten (und tut es noch immer), ihr Verständnis durch Vernunft und Offenbarung zu erweitern.
Einige Kritiker der Heiligen der Letzten Tage, die die Historizität des Buch Mormons bestreiten, versuchen die von ihnen vorgeschlagene Sichtweise für Heilige der Letzten Tage überzeugender scheinen zu lassen, indem sie den Wert von einigem Inhalt loben oder bekräftigen. Jene die diese Sichtweise vertreten, nehmen die beträchtliche Bürde auf sich, erklären zu müssen, wie sie den Inhalt eines Buches loben können, das sie als Fabel abtun. Ich habe nie die ähnliche Sichtweise in Bezug auf die Göttlichkeit des Erretters verstehen können. Wie wir wissen, verkünden ihn einige Geistliche als großen Lehrer und dann müssen sie erklären, wie der eine, der so erhabene Lehren erteilte, sich selbst (fälschlich, sagen sie) als Sohn Gottes verkünden kann, der von den Toten auferstehen werde.
Die Kritiker neuen Stils haben dasselbe Problem mit dem Buch Mormon. Zum Beispiel könnten wir den Wert der Lehren bestätigen, die im Namen eines Mannes namens Moroni berichtet worden sind. Wenn diese Lehren jedoch Wert haben, wie erklären wir die folgenden Aussagen, die auch diesem Mann zugeschrieben werden?
Und wenn darin Fehler sind, so sind es die Fehler eines Menschen. Aber siehe, wir wissen von keinem Fehler; doch Gott weiß alles; darum, wenn jemand verurteilt, soll er sich vorsehen, dass ihm nicht das Feuer der Hölle droht. (Mormon 8:17)
Und ich ermahne euch, an dies alles zu denken; denn die Zeit kommt schnell, da ihr wissen werdet, dass ich nicht lüge, denn ihr werdet mich vor dem Gericht Gottes sehen; und der Herr, Gott, wird zu euch sprechen: Habe ich euch nicht meine Worte verkündet, die von diesem Mann niedergeschrieben worden sind wie von einem, der von den Toten her ruft, ja, selbst wie von einem, der aus dem Staube redet? (Moroni 10:27)
Es liegt etwas Seltsames darin, die Moral oder den religiösen Inhalt eines Buches anzunehmen und gleichzeitig die Wahrhaftigkeit der Erklärungen, Voraussagen und Feststellungen seines Autors abzulehnen. Diese Sichtweise verwirft nicht nur die Konzepte von Glaube und Offenbarung, die das Buch Mormon erklärt und vertritt, diese Sichtweise ist nicht einmal gute Wissenschaft.
Hier kann ich nicht widerstehen, mich an die Worte eines geschätzten Kollegen und Freundes zu erinnern, der jetzt verstorben ist. Dieser berühmte Rechtsprofessor sagte einem Anfangsjahrgang an der juristischen Fakultät der Universität von Chicago, dass ein Rechtsanwalt, zusammen mit allem anderen, auch ein Wissenschaftler sein müsse. Er fuhr fort:
Dass das seine Reize hat, wird Ihnen durch die Worte des alten jüdischen Gelehrten ins Gedächtnis gerufen: „Müll ist Müll. Doch die Geschichte des Mülls, das ist Wissenschaft.” [4]
Diese reizende Erläuterung erinnert uns daran, dass Wissenschaft etwas Banales nehmen und daraus etwas Erhabenes machen kann. Wie mit der Geschichte des Mülls. Doch sogenannte Wissenschaft kann auch etwas Erhabenes nehmen und daraus etwas Banales machen. Mein Freund hätte seinen Punkt auch darlegen können, indem er gesagt hätte: „Wunder sind nur Fabeln, doch die Geschichte der Wunder, das ist Wissenschaft.” So ist es mit dem Buch Mormon. Diejenigen, die dieses Buch nur als Objekt der Wissenschaft respektieren, haben eine ganz andere Sichtweise, als diejenigen, die es als das offenbarte Wort Gottes schätzen.
Wissenschaft und physische Beweise sind weltliche Werte. Ich verstehe ihren Wert und ich habe einige Erfahrung darin, sie zu benutzen. Solche Techniken sprechen viele gemäß der Art zu verstehen an. Doch es gibt auch andere Methoden und Werte und wir dürfen uns der Wissenschaft nicht so verpflichtet fühlen, dass wir unsere Augen und Ohren und Herzen vor dem verschließen, was wissenschaftlich nicht bewiesen und durch physische Beweise und intellektuelle Argumentation nicht verteidigt werden kann..
Um eine andere Erläuterung zu zitieren: Geschichte, sogar Kirchengeschichte, ist nicht auf Wirtschaft oder Geographie oder Soziologie reduzierbar, wenn auch jede dieser Disziplinen etwas über den Gegenstand zu lehren hat. Bezüglich Geschichte kommentierte Präsident Hinckley über die Kritiker, die erniedrigende und herabsetzende Einzelheiten über irgendwelche unter unseren Vorfahren herausklauben:
Wir anerkennen, dass unsere Vorfahren menschlich waren. Sie machten zweifellos Fehler … doch die Fehler waren minimal, wenn man sie mit dem wunderbaren Werk vergleicht, das sie zustande gebracht haben. Die Fehler hervorzuheben und das größere Gute zu übergehen, heißt eine Karikatur zu zeichnen. Karikaturen sind amüsant, aber sie sind oft hässlich und unehrlich. Ein Mann kann ein Muttermal auf seiner Wange haben und dennoch ein Gesicht voll Schönheit und Stärke haben, doch wenn das Muttermal in Bezug zu seinen anderen Zügen unpassend betont wird, fehlt dem Porträt die Integrität. …
Ich fürchte die Wahrheit nicht, ich begrüße sie. Doch ich möchte alle meine Tatsachen in ihrem richtigen Zusammenhang betrachten, mit der Betonung auf jene Elemente, die das großartige Wachstum und die Macht dieser Organisation erklären. [5]
Im sechzehnten Kapitel Matthäus lesen wir, wie Jesus Petrus den wichtigen Gegensatz zwischen dem Handeln nach dem Geist und dem Handeln nach der eigenen Vernunft in Vertrauen auf die Wege der Welt lehrte:
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei. (Matth. 16:13-17,20)
Das war die Lehre des Herrn über den Wert von Offenbarung durch den Geist (Gesegnet bist du, Simon Barjona). In den nächsten drei Versen haben wir die unverblümte Lehre des Erretters über den entgegensetzten Wert der Argumente nach weltlichen Werten desselben Apostels:
Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. (Verse 21-23)
Ich schlage vor, dass wir dasselbe tun und dieselbe Zurechtweisung wie Petrus verdienen, sobald wir ein Zeugnis des Geistes (die Dinge die von Gott sind) der Arbeit von Wissenschaftlern oder dem Ergebnis unserer eigenen Überlegungen gemäß weltlichen Werten (Die Dinge, die von Menschen sind) unterwerfen.
Menschliche Überlegungen können Gott keine Grenzen setzen oder die Kraft göttlicher Gebote oder Offenbarungen verwässern. Menschen, die zulassen, dass das geschieht, stellen sich mit den ungläubigen Nephiten auf eine Stufe, die das Zeugnis des Propheten Samuel verwerfen. Im Buch Mormon heißt es: „Und sie fingen an, untereinander zu rechten und zu streiten, nämlich: Es ist nicht vernünftig, daß so ein Wesen wie ein Christus kommen wird …”(Helaman 16:17-18) Menschen, die diese Art von „vernunftgemäßem Reden” ausüben, versperren sich sich selbst die köstliche Erfahrung, die jemand als das Herz beschrieben hat, das uns Dinge sagt, die unser Verstand nicht weiß. [6]
Leider machen einige Heilige der Letzten Tage andere dafür lächerlich, dass sie sich auf Offenbarung stützen. Solcher Spott kommt von denen, deren wissenschaftliche Ausbildung hoch ist und deren geistige Bildung niedrig ist. [7]
Die Hauptbedeutung des Buches Mormon liegt darin, dass es bezeugt, dass Jesus Christus der einzig gezeugte Sohn von Gott dem Ewigen Vater ist, der uns erlöst und von Tod und Sünde errettet. Wenn ein Bericht als überragender Zeuge für Jesus Christus da steht, wie könnte es da keinen Unterschied machen, ob der Bericht Wahrheit oder Dichtung ist – ob die Menschen, die von Christus prophezeiten wirklich lebten und als Augenzeugen seines Erscheinens bei ihnen auftreten?
Als Jack Welch und ich das Thema meiner heutigen Rede besprachen, wies er darauf hin, dass diese neue Welle des Antihistorizismus „ein neues Kind in unserm Block in Salt Lake City sein mag, dass es jedoch schon seit mehreren Jahrzehnten in einer Menge anderer christlicher Nachbarschaften unterwegs ist.”
In der Tat! Das Argument, dass es keinen Unterschied macht, ob das Buch Mormon Wahrheit oder Dichtung ist, ist ganz sicher ein Bruder des Arguments, dass es keinen Unterschied macht, ob Jesus je gelebt hat. Wie wir wissen, gibt es viele sogenannte christliche Lehrer, die die Lehren annehmen, doch den Lehrer leugnen. Darüber hinaus gibt es welche, die sogar die Existenz oder die Erfahrbarkeit Gottes leugnen. Ihre Gegenstücke im Mormonismus nehmen einige der Lehren im Buch Mormon an, leugnen aber seine Historizität.
Vor zwei Monaten, als ich die Zeitschrift Chronicles durchblätterte, die vom Rockford Institut (dessen Direktor ich ungefähr 15 Jahre lang war) herausgegeben wird, zog der Titel einer Buchbesprechung und der großartige Ruf seines Autors meine Aufmerksamkeit auf sich: „Wer braucht den historischen Jesus?” [8] von Jacob Neusner, der Dr., Rabbiner und Professor ist. Er besprach zwei Bücher, deren Titel jeweils die Worte „der historische Jesus” enthält. Seine Bemerkungen sind bezüglich des Themas der Historizität ganz allgemein überzeugend.
Neusner lobt diese beiden Bücher, das eine als „ein eindringlich kraftvolles und poetisches Buch … von einem großartigen Autor, der auch ein gewichtiger Wissenschaftler ist” und das andere als „ein wissenschaftliches Meisterstück.” Doch trotz seiner Anerkennung ihrer Technik stellt Neusner die Angemessenheit der Bemühungen der Autoren in Frage. Ihr Bemühen war, typisch für die heutige wissenschaftliche Welt, eine skeptische Lesart an Stelle einer glaubenden anzunehmen, eine historische Studie vorzulegen, die „Fakten von Fabeln, Mythen von authentischen Ereignissen unterscheidet.” Dadurch veranlasste sie, ihr „skeptisches Lesen des Evangeliums” anzunehmen, der Jesus Christus der Evangelien wäre nicht der Jesus, der tatsächlich gelebt hat. Es veranlasste sie auch anzunehmen, Historiker könnten den Unterschied erkennen.
In der vorangehenden Beschreibung habe ich Neusners Buchbesprechung umschrieben, nun zitiere ich seine Schlussfolgerungen:
Keine historische Arbeit erweist sich selbst als so unaufrichtig wie Arbeiten über den historischen Jesus: Von Anfang bis Ende ist das ein theologisches Thema. [9]
Gewiss beinhaltet keine Frage tiefere theologische Konsequenzen für Christen als die, was dieser Mensch, von dem sie glauben, dass er die Inkarnation Gottes sei, wirklich, tatsächlich und wahrhaftig hier auf Erden sagte und tat. Doch die historische Methode, die nichts von Übernatürlichem weiß und Wunder mit offener Verblüffung betrachtet, gibt vor, sie zu beantworten. [10]
Doch (historische und sonstige) Aussagen über die Gründer von Religionen bieten Wahrheiten von anderer Art. Solche Aussagen haben nicht nur schwerwiegendere Konsequenzen, sondern sie stützen sich auf ganz andere Quellen als die, die berichten, was George Washington an einem bestimmten Tag des Jahres 1775 tat. Sie beruhen auf Offenbarung, nicht auf bloßer Information. Sie und die, die sie machen geltend, und die, die sie wertschätzen, glauben, dass sie ihren Ursprung in Gottes Offenbarung oder Inspiration haben. Von den Evangelien zu fordern, historische statt Evangeliumswahrheiten zu liefern, verwechselt theologische Wahrheit mit historischer Tatsache und reduziert sie auf die Maße dieser Welt und behandelt Jesus genau als das Gegenteil dessen, was die Christenheit schon immer wusste, dass er es ist: einzigartig.
Wenn wir vom „historischen Jesus” sprechen, sezieren wir einen heiligen Gegenstand mit einem weltlichen Skalpell und in der Verwirrung der Wahrheitskategorien stirbt der Patient auf dem OP-Tisch. Die Chirurgen vergessen, warum sie den Schnitt gemacht haben. Sie entnehmen das Herz, und vergessen es zurückzusetzen. Die Aussage „eins und eins ist zwei” oder „Die verfassunggebende Versammlung traf sich 1787” sind einfach nicht von derselben Ordnung wie „Mose erhielt die Thora am Sinai” oder „Jesus Christus ist der Sohn Gottes.”
Welcher historische Beweis kann uns zeigen, ob jemand wirklich von den Toten auferstand oder was Gott dem Propheten am Sinai sagte? Ich kann keine historische Methode finden, die der Aufgabe gewachsen wäre, die Behauptung zu verifizieren, dass der Sohn Gottes von einem jungfräulichen Mädchen geboren wurde. Und wie können Historiker, die es gewöhnt sind die Ursachen des Sezessionskrieges zu erklären, von Wundern oder Menschen die von den Toten auferstehen und von anderen Dingen umfassenden Glaubens sprechen? Historiker, die mit Wundergeschichten arbeiten, erreichen nur etwas, das entweder den Glauben nur beschreibt, ihm gleichgültig gegenüber steht oder einfach dumm ist. In ihrer Arbeit haben wir nichts anderes als Theologie, die sich als „kritische Geschichte” verkleidet. Wenn ich Christ wäre, würde ich fragen, warum die Krone der Wissenschaft einem Jesus aufs Haupt gesetzt werden müsse, der auf diesseitige Dimensionen reduziert wurde und würde hinzufügen, dass das eine weitere Dornenkrone sei. Aus meiner Sichtweise als Rabbiner sage ich nur, dass diese Bücher ganz einfach und gewaltig irrelevant sind. [11]
Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie mit diesem langen Zitat belaste, doch hoffe ich, dass Sie meiner Schlussfolgerung beipflichten werden, dass das, was der Rabbi/Professor über den historischen Jesus sagt, genauso angemessen und überzeugend ist, wenn es um die Frage der Historizität des Buch Mormons geht. [12]
Um die Sache kurz zu machen: Ein wissenschaftlicher Experte ist ein Spezialist in einer bestimmten Disziplin. Definitionsgemäß weiß er alles oder fast alles über einen sehr engen Bereich menschlicher Erfahrung. Zu denken, er könne uns etwas über andere Wissenschaftsdisziplinen sagen, geschweige denn über Gottes Absichten und das ewige System der Dinge, ist bestenfalls naiv.
Gute Wissenschaftler sind sich der Grenzen ihrer eigenen Fachbereiche bewusst und ihre Schlussfolgerungen werden sorgfältig auf ihr Wissensgebiet begrenzt. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Geschichte von den Beobachtungen eines alten Richters. Als sie durch Weideland reisten, wo Kühe auf den grünen Weiden grasten, sagte ein Bekannter: „Schau doch diese gefleckten Kühe.” Der vorsichtige Richter beobachtete genau und räumte ein: „Ja, die Kühe sind gefleckt, zumindest auf dieser Seite.” Ich wünschte, dass alle Kritiker des Buch Mormons, einschließlich derjenigen, die sich veranlasst sehen, seine Historizität in Frage zu stellen, auch nur halb so vorsichtig bezüglich ihrer „wissenschaftlichen” Schlussfolgerungen wären.
In dieser Botschaft habe ich einige Gedanken über ein halbes Dutzend Themen in Bezug auf die Historizität des Buch Mormons dargelegt.
  1. In diesem Thema wie in so vielen anderen, die unseren Glauben und unsere Theologie betreffen, ist es wichtig, sich sowohl auf Glauben und Offenbarung als auch auf Wissenschaft zu stützen;
  2. Ich bin überzeugt, dass weltliche Beweise die Authentizität des Buch Mormons weder beweisen noch widerlegen können;
  3. Diejenigen, die die Historizität des Buch Mormons leugnen, haben die schwierige Aufgabe, ein Negativum zu beweisen. Sie habe auch die unangenehme Pflicht zu erklären, wie sie einerseits das Buch Mormon als Fabel abtun können aber andererseits etwas von seinem Inhalt loben können;
  4. Wir wissen aus der Bibel, dass Jesus seine Apostel darüber belehrte, dass sie in der wichtigen Angelegenheit seiner eigenen Identität und Mission „selig” seien, weil sie sich auf das Zeugnis von Offenbarung stützen („die Dinge, die von Gott sind”)und es ist beleidigend für ihn, wenn sie gemäß weltlichen Werten und Argumenten handeln (… im Sinn … was die Menschen wollen)(Matth. 16:23);
  5. Wissenschaftler, die sich auf Glauben und Offenbarung ebenso stützen wie auf Wissenschaft und die die Authetizität des Buch Mormons annehmen, müssen Spott von denen ertragen, die diese Dinge Gottes verachten;
  6. Ich habe auch erläutert, dass nicht alle Wissenschaftler den Wert religiösen Glaubens und die Berechtigung des Übernatürlichen verachten, wenn sie auf theologische Wahrheiten angewandt werden. Einige kritisieren sogar den „intellektuellen Provinzialismus” derjenigen, die die Methoden historischer Kritik auf das Buch Mormon anwenden.
Ich schließe mit einem Gedanken über Vielfalt. Vielfalt ist eines der beliebtesten Modewörter unserer Zeit. Richtig angewendet ist es ein wunderbares Konzept, das Harmonie, Liebe und persönliches Wachstum fördert. Doch so wie ihr Schwesterkonzept, die Toleranz, kann sie missbraucht werden zum Nachteil oder zur Zerstörung ihrer Vertreter und derer um sie herum.
Wieviel Toleranz sollten wir dem Bösen gegenüber zeigen? Tolerieren wir unflätige Ausdrücke auf der Kanzel? Wie steht es um falsche Lehre? Sollten wir Vielfalt in unseren persönlichen Werten oder unseren intimen Beziehungen pflegen?
Wenn Toleranz und Vielfalt ihren erhöhten Zweck erreichen sollen, müssen sie umsichtig, gebetsvoll und gezielt aber nicht simpel und absolut praktiziert werden. Es wäre gut wenn diejenigen, die öffentlich Vielfalt preisen eine kleine Erklärung hinzufügen würden um klarzustellen „Vielfalt worin.”
Zu diesem Thema spende ich den Worten von Patricia B. Grey aus Provo in einem Leserbrief an die Deseret News vom 20. Oktober 1993 Beifall. Ihr Brief beginnt damit, dass sie bemerkt, dass das Wort Vielfalt wie es in letzter Zeit in einigen öffentlichen Mitteilungen gebraucht wird, eher „heutige politische Denkweise als offenbarte Wahrheit” widerspiegelt. Sie schreibt weiter:
Sicherlich schätzt Gott Vielfalt in nahezu allem – außer in der Treue und dem Glauben seiner Nachfolger . Die HLT Kirche existiert als Beweis seiner Ablehnung von Vielfalt im Glauben.
Ein rasches Durchschauen der Schriften findet keine Unterstützung für solche Vielfalt innerhalb der Kirche. Stattdessen gibt es über 40 Aufrufe nach Einheit, einschließlich „wenn ihr nicht eins seid, seid ihr nicht mein.”
Liebe und Mitgefühl für den Sündern erlauben es der Kirche nicht, wiederholte, willentliche Auflehnung zu übersehen (69 Hinweise in der Schrift) … Offene Auflehnung ist ganz klar Sünde, genauso wie Verleumdung (15 Hinweise), Streit (34 Hinweise) und Ähnliches.
Natürlich haben die meisten von uns zuweilen rebellische Gedanken, Zweifel, Versuchungen, das Gefühl, dass wir es besser wüssten als unsere Führer. Die meisten von uns klären dies jedoch ohne sie öffentlich darzulegen, Streit zu entfachen und den Glauben anderer herauszufordern oder eine Pressekonferenz einzuberufen….
Ich gebe nicht vor, für die Kirche zu sprechen, aber vielleicht vertrete ich die tausenden intelligenten, unabhängigen Menschen, deren Seelen auf die geistige Kraft der Generalkonferenz mehr ansprechen als auf die Gedankenübungen des Sunstone Symposiums. [13]
Brüder und Schwestern, wie dankbar sind wir doch – wir alle, die wir uns auf Wissenschaft, Glauben und Offenbarung stützen – für das was ihr tut. Gott möge die Gründer und Unterstützer und die Mitarbeiter der Stiftung für Altertumsforschung und mormonische Studien segnen. Die Arbeit, die Sie tun, ist wohlbekannt und sie wird geschätzt.
Ich zeuge von Jesus Christus, dem wir dienen und dessen Kirche dies ist. Ich rufe seine Segnungen auf Sie herab. Im Namen Jesu Christi, Amen.

Anmerkungen

*Prof. John W. Welchs Anregungen zu diesem Thema werden dankbar anerkannt.

1. Anthony A. Hutchinson, “The Word of God Is Enough: The Book of Mormon as Nineteenth-Century Scripture,” New Approaches to the Book of Mormon [Salt Lake City, Utah: Signature Books, 1993], S. 1 [Das Wort Gottes ist genug: Das Buch Mormon als Heilige Schrift des 19. Jahrhunderts. Neue Betrachtungsweisen des Buch Mormons.]
2. Hugh Nibley, Kapitel 5 von The World of the Jaredites, [Die Welt der Jarediten] in The Collected Works of Hugh Nibley, Band. 5 [Salt Lake City: Deseret Book Co., 1988], S. 237.
3. Orson Scott Card, A Storyteller in Zion [Salt Lake City: Bookcraft, 1993], S. 13—45.
4. Paul M. Bator, “Talk to the First Year Class,” The Law School Record, vol. 35, Spring, 1989, S. 7.[Ansprache an die Erstsemester]
5. Im Konferenzbericht Oktober 1983 S. 68; Der Stern Januar 1984, S.
6. Siehe Harold B. Lee, Stand Ye in Holy Places, [Salt Lake City: Deseret Book Co., 1974], S. 92.
7. z.B. Siehe Kommentare in Dialogue, Bd. 26, Nr. 2, Sommer, 1993, S. 211—12.
8. Chronicles, Juli 1993, S. 32—34.
9. Ibid., S. 34.
10. Ibid., S. 32.
11. Ibid., S. 32—33.
12. Neusner stimmt offenbar zu, siehe seinen Leserbrief in Sunstone, Juli 1993, S. 7-8
13. Deseret News, 20. Okt. 1993, S. A23.

 

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Last Updated November 07, 2009
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